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2 (1877) Der lateinische Stil im Gymnasium
Entstehung
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Forderung eines ausreichenden Quantums von Lectüre. Und daß die moderne Cultur eine ſehr aus⸗ giebige Berückſichtigung erfährt, lehrt ein Blick auf die Lehrpläne und Programme zur Genüge. Aber man traut derZurückgebliebenheit der Philologen alles Mögliche und Unmögliche zu, warum nicht auch dies?

So wird es denn vielleicht nicht überflüſſig ſein, ſelbſt auf die Gefahr hin, nichts Neues zu ſagen, kurz darzulegen, warum wir heute den lateiniſchen Stil noch pflegen, warum wir auch den lateiniſchen Aufſaz nicht aufgeben dürfen.

Eine Vorbereitungsanſtalt für höhere wiſſenſchaftliche Studien und eine andere Aufgabe wird doch dem Gymnaſium nicht zugewieſen werden muß, wenn man von den realen, ethiſchen und äſthetiſchen Bildungsmomenten abſieht, auf dem Gebiete der ſog. formalen Bildung ihre Schüler jedenfalls ſo weit bringen, daß ſie für die beiden einander ergänzenden Methoden aller wiſſenſchaftlichen Forſchung und aller wiſſenſchaftlichen Unterweiſung, Deduction und Induction, in gleichem Maße befähigt, in beiden gleich geübt ſind. Während die Fertigkeit in der inductiven Operation durch Uebung der unmittelbaren Auffaſſung und der richtigen Wiedergabe von Erſcheinungen der Sinnenwelt, des Vermögens genauer Vergleichung und Unterſcheidung ſowie ſyſſtematiſcher Claſſification, endlich der Befähigung für Erkenntniß des urſächlichen Zuſammenhanges in realen Verhältniſſen hauptſächlich durch den naturwiſſenſchaftlichen Unterricht erzielt werden muß, fällt dem Unterrichte in Sprachen und Mathematik die Aufgabe zu, aus⸗ reichende Befähigung für das deductive Verfahren zu verleihen oder mit anderen Worten Befähigung und Gewandtheit in Klarheit und Schärfe von Gedanken und Ausdruck vorwiegend zu erwerben, vor⸗ wiegend, denn ſelbſtverſtändlich kann ſo wenig in der Schule wie in der Wiſſenſchaft jede von beiden Methoden allein und ausſchließlich in Anwendung kommen.

Es kann hier nicht weiter verfolgt werden, in welch hochbedeutender Weiſe der mathematiſche Unter⸗ richt an der Löſung der letzteren Aufgabe mitarbeitet; für den ſprachlichen Unterricht darf ſo viel als ausgemacht gelten, daß er die ihm zufallende Leiſtung nur dann zu vollbringen vermag, wenn er gründ⸗ liche Kenntniß einer Sprache erzielt, welche in ihren Formen und Geſezen reich und beweglich genug iſt, um ſich den verſchiedenſten Beziehungen der Gedanken enge anſchmiegen zu können. Bis zu einem gewiſſen Grade beſizt jede Sprache dieſes Vermögen, aber eben ſo ſicher die eine in höherem Grade als die andere. Am wenigſten die neueren Sprachen, am meiſten unter den zur Auswahl ſtehenden alten die griechiſche; doch muß leztere auf die Stellung, welche das Lateiniſche zur Zeit einnimmt, theils aus hiſtoriſchen, theils aus pädagogiſchen Gründen verzichten.

Mit den Mitteln, über die wir verfügen, können wir erfahrungsgemäß auf dem Gymnaſium die gründlichere und einigermaßen umfaſſende Kenntniß nur einer fremden Sprache, und auch dies nur mit Anſtrengung, erzielen; dieſe iſt nach Stundenzahl und hiſtoriſchem Werthe die lateiniſche. Daß die Real⸗ ſchule mit ihrem viel geringeren, namentlich nach oben durchaus unzureichenden Stundenſaze und bei der dadurch veranlaßten Art und Weiſe der Betreibung dieſes Ziel erreichen zu können glaubt, iſt ein unheil⸗ voller Irrthum. Es muß vielmehr der lateiniſche Unterricht an der Realſchule in ſeiner derzeitigen Stellung als reine Zeitvergeudung erſcheinen, wenn die Aufſtellungen richtig ſind, welche im weiteren Verlaufe dieſer Unterſuchung über das Weſen des lateiniſchen Sprachunterrichtes gemacht werden ſollen, und wenn man ein Verfahren ſo bezeichnen darf, welches durch anſtrengende Vorbereitung gerade ſo weit führt, um nachgerade den Lohn der Anſtrengungen zu ernten an dieſer Grenze aber auf einmal die begonnene Arbeit aufgiebt.

Jeder ſprachliche Unterricht nimmt die verſchiedenen Seiten geiſtiger Thätigkeit Verſtand, Ein⸗ bildungskraft, Gedächtniß, Gemüth gleichmäßig und allſeitig in Anſpruch, er vermittelt ununterbrochen Wiſſen und Können; der lateiniſche ſpeciell liefert die Grundlage für grammatiſche Bildung überhaupt.