Druckschrift 
2 (1877) Der lateinische Stil im Gymnasium
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Wer heutzutage außerhalb der engen Grenzen der Fachzeitſchriften der Pflege des lateiniſchen Stiles und ſpeciell des lateiniſchen Aufſazes das Wort redet, kommt leicht in den Geruchein bornirter Philologe, ein pädagogiſcher Antiquarius zu ſein. Iſt doch auf den Univerſitäten derZopf der lateiniſchen Diſſertationen glücklich abgeſchnitten nur die Philologen, denen man großmüthig ihre armſelige, minutiöſe, geiſtloſe Thätigkeit auf dieſem Felde beläßt, mögen einſtweilen noch fortfahren, dieſe brodloſe Kunſt zu cultiviren; lange wird es auch bei ihnen nicht mehr dauern. Der künftige Gym⸗ naſiallehrer wird baldden Quark nicht mehr brauchen; denn unſere Zeit geht ſchnell, und mitreden im höheren Schulweſen kann man doch, wenn man auch jene abſchmeckig gewordene Kunſt nicht mehr beſitzt. Ob nun zu ſolchen Anſichten die Einſicht beigetragen hat, daß der Beſiz nicht ohne Schweiß zu erlangen iſt, ob man damit auf wolfeile Weiſe die ſonſt verſcherzte Gunſt der öffentlichen Meinung ſucht, ob auch hier die Beſeitigungdes alten Zopfes für eine Aufgabe des Liberalismus gilt, wer möchte dies unter⸗ ſuchen?

Schon iſt einem Theile unſerer Gymnaſien dieſe Theilnahme der Tagesmeinung verderblich ge⸗ worden. Selbſt wolmeinende Männer haben die Pflege des lateiniſchen Aufſazes bekämpft, in den ſüd⸗ deutſchen Staaten iſt derſelbe gefallen. Nur Württemberg hält auch hier feſt an der Tradition und troz des auch dort nicht fehlenden utilitariſchen Dranges hat ſich die alte Fertigkeit im Lateinſchreiben noch recht intenſiv zu erhalten vermocht; und man kann nicht einmal den Beweis erbringen, daß dieſerZopf der geiſtigen Leiſtungsfähigkeit Eintrag gethan hätte.

Bei den Erörterungen über die oben berührte Frage drängt ſich dem ruhigen Beobachter unwill⸗ kürlich die Wahrnehmung auf, daß gar Manchem, der hier mitredet, eigentlich nicht recht klar iſt, wie die Pflege des Lateinſchreibens heute und in den Tagen des Straßburger Schulrectors Johann Sturm, in einem guten Gymnaſium unſerer Zeit und in einer Jeſuitenſchule, völlig verſchiedene Ziele verfolgt. Jene Zeit wollte das Lateiniſche wiederbeleben, eine internationale Verkehrsſprache herſtellen; ſie ver⸗ zweifelte nicht daran über die Schranken von Ort und Zeit hinweg in dieſer Sprache die eloquentia zu erreichen, ja die alten Meiſter und Muſter durch ſelbſtändige Leiſtungen zu überflügeln. Die Jeſuiten wollen durch die Pflege der katholiſchen Univerſalſprache der Univerſalhierarchie dienen, durch die formaliſtiſche Behandlung den Inhalt unterdrücken, durch die Cultivirung der alten Sprache die Wirkung der modernen Culturelemente paralyſiren. Wir ſollten eigentlich heute nicht mehr die Beſorgniß hegen, daß es ver⸗ ſtändigen Lehrern einfallen könnte, mit Nichtachtung der herben Erfahrungen, die Sturm und ſeine Nach⸗ fahren machen mußten, nochmals in den gleichen Fehler zu verfallen; aber ſelbſt beim beſten Willen nach

dieſer Seite können die Bäume nicht in den Himmel wachſen; dafür ſorgen die Stundenſäze und die 1