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1. Theil (1868)
Entstehung
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vom ſechſten bis zum zehnten Jahre darin geübt werden ſollen. Uebrigens haben beide Stellen auf die zu Athen herrſchende Sitte keinen Bezug, und es iſt wohl kaum anzunehmen, daß während der Jahre des Schulunterrichts die körperliche Ausbildung ganz vernachläſſigt worden ſei. Eine Vereinigung war doch leicht zu finden und man darf wohl der Anſicht Becker's ²o) beiſtimmen, der die Frage ſo entſcheidet, daß nur zu verſchiedenen Zeiten, nach Maßgabe des Alters, bald dieſe bald jene Beſchäftigung vorwaltete, ſo daß vielleicht, wer am frühen Morgen die Schule des Grammatikers beſuchte, in den Nachmittags⸗ ſtunden Gymnaſtik trieb und umgekehrt. Der gymnaſtiſche Unterricht wurde in der Paläſtra, einer Privat⸗ anſtalt, welche mit Gymnaſium nicht zu verwechſeln iſt, durch den Ringmeiſter, Pädotribes, ertheilt, deſſen Aufgabe ſo bezeichnet wird, daß er die Menſchen körperlich ſchön und kräftig zu machen ſuche*¹). Häufig wird der Ringmeiſter mit dem Arzte und die Gymnaſtik mit der Heilkunde zuſammengeſtellt, demnach eine Art Heilgymnaſtik*²³), als deren Erfinder der Ringmeiſter Herodikos von Selymbria genannt wird. Als dieſer nämlich kränklich wurde, verband er die Gymnaſtik mit der Heilkunde und quälte zuerſt und am meiſten ſich ſelbſt und hernach auch viele Andere, indem er ein langwieriges Dahinſterben ſich bereitete. Denn indem er fortwährend ſeine Krankheit, die tödtlich war, behandelte, war er nicht im Stande ſich zu heilen, und brachte, keiner anderen Beſchäftigung fähig, ſein ganzes Leben mit an ſich Herumarzneien hin, unter argen Qualen, wenn er irgend von ſeiner gewöhnlichen Lebensweiſe abwich, und wurde, in ſeiner Weisheit kläglich dahinſterbend, ein hochbejahrter Greis ²³). Derſelbe empfahl auch Spaziergänge im Freien ²⁴). Die gewöhnliche Anſicht, daß Muſenkunſt und Gymnaſtik in der Erziehung angewandt würden, um mit der einen für die Seele, mit der anderen für den Körper zu ſorgen, theilt Platon nicht, ſondern meint, daß beide hauptſächlich der Seele wegen angeordnet ſeien*). Da diejenigen, welche nur die Gymnaſtik üben, roher werden, als ſie ſollten, die auf die Muſenkunſt dagegen ſich Beſchränkenden weich⸗ licher, als ihnen ziemt ²⁶), ſo müſſen beide Künſte mit einander in Einklang gebracht werden und derjenige, welcher dies am beſten erreicht, iſt in ſeiner Bildung vollendet 77). Indem Platon die übermäßige körper⸗ liche Uebung der Athleten nicht billigt, ſondern mehr den Muth als die Stärke geweckt wiſſen will, hebt er auch bei der Gymnaſtik beſonders das ſittlich bidende Moment hervor und behauptet, daß nicht etwa der Körper durch ſeine Vorzüglichkeit die Seele zur guten mache, wohl aber im Gegentheil eine gute Seele durch ihre Vorzüglichkeit einen möglichſt guten Körper ſchaffe 8). Einen weiteren Nutzen der Gymnaſtik ſieht er darin, daß ſie vor Leidenſchaftlichkeit bewahre 2). Man könnte es auffallend finden, daß die Schwimmkunſt von den Alten nicht als beſonderer Theil der Gymnaſtik angeführt wird. Der

²) Charikles II, S. 195.

) Gorg. 452, b: uadoug re al 10 od rο³ν rou dννν ςσαἀπονς rd Gανμασα.

) Crito 47, b: laroò⁹ eαι⁴oi; ebenſo Alcib. I, 131, a. Protag. 313, d: putvaoru 7 larog. Leg. III, 684, c: pupvadral laxgoi. Gorg. 517, e und 518, a: cενην pvntvadruui re ual lar*⁴ενακ Sophist. 229, a: Zwei Künſte wurden erfunden zeo? a6» alo aos punradriws, zegt ds vddov largewy.

3) Rep. III, 406, a.

14) Phaedr. 227, d.

15⁵) Rep. III, 410, c.

*6) Ibid. 410, d.

*¹) Ibid. 412, a, er iſtονατaτos al euaνοσοαs.

¹6) Ibid. 403, d.

¹⁰) Leg. VIII, 839, e.