Erziehung und Unterricht bei Platon
von Dr.. Mittmann.
Erſter Theil.
Wenn einzelne zuweilen laut werdende Stimmen Glauben verdienen, ſo muß man faſt annehmen, daß die Pädagogik Lehrern an höheren Schulen nicht nur nicht nöthig ſei, ſondern ſelbſt Schaden bringe, indem ſie denienigen, welcher ſich mit ihr befaſſe, von ernſten Studien abhalte und zur Halbwiſſenſchaft⸗ lichkeit hinführe. Haben doch Leute, welchen„wunderlich zu Muthe wird, wenn ſie nur von Methode reden hören“, ſchon geäußert, daß die Pädagogik„als Halbwiſſenſchaft niemals ihren ſubalternen Charakter verleugnen könne“, daß„die ſogenannte Geſchichte der Pädagogik meiſt nur eine Schmarotzerpflanze aus der allgemeinen Weltgeſchichte, der Culturgeſchichte, der Literaturgeſchichte und anderen Geſchichten ſei“, ſo daß ich faſt Bedenken tragen könnte mit einer ſolch verdächtigem Fache angehörigen Arbeit hervorzutreten. Jedoch ermuthigt mich wieder die Beobachtung, wie gerade in neuerer Zeit durch Männer, deren wiſſen⸗ ſchaftliche Tüchtigkeit keinem Zweifel unterliegt, wiederholt verlangt wird, daß in dem höheren Schulweſen die Pädagogik mehr zur Geltung kommen und eine ſowohl theoretiſche als praktiſche Vorbildung der künftigen Lehrer angeſtrebt werden müſſe, wenn die höheren Schulen hinter den Fortſchritten, welche die Volksſchule in Didaktik und Methodik gemacht habe, nicht zurückſtehen wollten. Gewiſſen Andeutungen nach zu ſchließen ſcheint die Sachlage allmählich etwas mehr erkannt und dem Bedürfniſſe Rechnung getragen zu werden, wie z. B. das neue Prüfungs⸗Reglement für die Candidaten des höheren Schulamts in Preußen„eine allgemeine Bekanntſchaft mit der Geſchichte der neueren Pädagogik und den weſentlichſten Beſtimmungen der Methodik“ vorſchreibt, eine zwar als Fortſchritt zu begrüßende aber doch ſehr beſchei⸗ dene Forderung, beſonders wenn man bedenkt, daß Ausdrücke wie„allgemein“ und„weſentlichſt“ eine ſehr ausgedehnte Deutung zulaſſen. Mit der Zeit wird ſich wohl die Ueberzeugung von der Nothwendig⸗ keit einer pädagogiſchen Vorbildung noch mehr Bahn brechen, und der Vorwurf, daß„gerade im höheren Lehrſtande eine Abneigung gegen alles, was Pädagogik iſt und heißt, herrſche“, verſtummen müſſen.
Unter allen pädagogiſchen Fächern iſt die Geſchichte der Pädagogik von ganz beſonderer Wichtigkeit, indem ſie nicht nur berichtet, wie im Laufe der Jahrhunderte an der Erziehung des Menſchengeſchlechtes
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