21
„hatte, die Meinung, daß er vom Atlas die Laſt der Welt auf ſeine Schultern übernom⸗ „men habe.“
Unſtreitig des Ausdrucks qiloréxecs wegen hat man bei dieſen Worten an einen Glo⸗ bus gedacht.
Wenn aber wirklich von einem Himmelsglobus die Rede wäre, ſo würde dieſes Kunſtwerk doch nur in den Gedanken Diodors exiſtirt haben als eine von ihm ausgehende Fiction zur Erklärung der Sage: Atlas trage den Himmel, und mithin weder dem muthmaßlichen Excerpte des Plinius einige Zuverläſſigkeit verleihen, noch auch das unvordenkliche Vorhandenſein eines Himmelsglobus beweiſen.
Dieſe Erörterung enthält zugleich einen Commentar zur andern Stelle bei Plinius(II. N. VII, 56) hinſichtlich deſſen, was daſelbſt über Atlas angeführt iſt. Die unbeſtimmten Sagen über den Urſprung der Aſtronomie konnten auch einem ſachkundigeren Manne, als Plinius iſt, zur Röthigung werden, in einer, ihrer Natur nach ſo ungewiſſen Sache nichts zu entſcheiden, ſondern lieber einige der gangbarſten¹) Meinungen darüber anzuführen und ſelbſt in die Mythen zu greifen.— In Betreff der übrigen Worte jedoch bieten ſich folgende Bemerkungen dar, welche für Anaximanders Himmelsglobus ſprechen.—
Der Ausdruck: astrologia, bezeichnet nach einem bei Griechen und Römern gewöhnlichen Sprachgebrauche nichts Anderes, als Aſtronomie, ohne Beimiſchung des erſt ſpäter entſtandenen Begriffes von jener in Athen geehrten, bei den Stoikern beliebten, in Rom verfolgten, von Cicero“ verlachten, von den Kirchenvätern verdammten Sterndeuterei(Genethlialogie), und cs wird dem Anaximander zum Verdienſt gemacht, sphaeram in ea(invenisse). In dieſen Worten ſcheint nun wirklich dem mileſiſchen Weiſen die Erfindung eines Himmelsglobus beigelegt zu werden. Dieſe Behauptung ſtützt ſich zuerſt auf die Annahme, daß Plinius von einem ſolchen Globus reden konnte. Ihm, einem gebildeten Manne, deſſen Wißbegierde nach jedem belehrenden Hülfsmittel griff und den reichen Schatz von Kenntniſſen täglich zu vermehren trachtete, war ein Himmelsglobus gewiß nichts Unbekanntes. Allerdings wäre es thöricht zu glauben, die Bekanntſchaft mit einer ſolchen Erfindung ſei zu Plinius Zeiten ſo allgemein geweſen, wie ſie etwa in unſern Tagen ſein mag; aber es würde auch thöricht und ſelbſt geſchichtswidrig ſein, die unter gebildeten und wiſſen— ſchaftlichen Römern verbreitete Kunde von Kunſtwerken der Art abzuleugnen, da weiter unten Cicero's glaubhafte Zeugniſſe für das Vorhandenſein derſelben in Rom ſprechen werden. Hat Plinius die Schriften eines Poſidonius und Cicero geleſen,— und das Plinianiſche Quellenverzeichniß) leiſtet dafür Bürgſchaft,— ſo konnte er nicht unbekannt bleiben mit einem Gegenſtande der Kunſt, welchen Cicero mit Begeiſterung ſchildert. In wie weit Plinins
1) ef. Cic. de Divinat. I, 1 ff. 2) Cic. de Divinat. II. 42. 3) cf. Plin. H. N. I. 1.


