In der angegebenen Weiſe ſcheint auch Leſſing in ſeinem Laokoon das Weſen der poetiſche Malerei aufgefaßt zu haben, wenn er ſagt⸗):„Jeder Zug, jede Verbindung mehrerer Zige, durch die uns der Dicher ſeinen Gegenſtand ſo ſinnlich macht, daß wir ins dieſes Gegenſtandes deutlicher bewußt werden als ſeiner Worts, heiht materiſch, heißt ein Gemülde, weil es uns dem Grade der Jluſion näher bringt, deſſen das materielle Gemälde beſonders fähig iſt der ſich von dem materiellen Gemälde am erſten und leichteſen abſtrahiren laſſen.“
WWo alſo poetiſce Stalen vorkommen, die durch die treſſende Nachahmung des Rlanges oder durch die lebendige und ausdrucksvolle Bewegung des Rhychmus den Gegenſtand ſo anſchaulich und täuſchend vor unfer inneres Auge hinſtelen, daß wir ein Vild deſſeiben zu ſehen glanben und dariter weniger an die Warte denten, da werden wir von lauclicher oder rhyehmiſcher Malerei ſprechen wnnen.
Wiir haben es hier nur mit der lebteren zu thun, deren Aufgabe es iſt durch die der beſondern Natur des Gegenſtandes angemeſſenſte Versbewegung Nachdruck, Lebendigkeit und Abwechlung in die Darſtellung zu bringen Sie iſt ſomit auf das Einzelne gerichet und läßt ſich nach ihrem beſondern Weſen nur an einzelnen Fältn und Beipielen erkeunen und nachweiſen, in denen der Dichter ſich ihrer zur Ausſchmücung ſeines Werles bedient hat
Die Mittel, welche die rhyihmiſche Malerei amvendet, um jene Abwechalung in der Versbewegung bervorzubringen, berlien, allzemein angegeben, auf der Wahl der Versfüßez anf der Art der Versgliederung ſowie der Wortfüße; anf der Woriſtellung und endlich auf dem Verhältniß und der Stellung der Sätze und Satztheile zu den Verſena) Wie Ooid ſich dieſer Mittel bedient hat, um in den Hexametern der Metamorphoſen in rhyihmiſcher Bezichung maleriſche Effeete zu erzielen, wil ich in Folgendem nach⸗ zuweſſen veruchen.
. Cap. I. Von den Versfüßen.
§ 1. Vorherrſchende Dakthlen.— Da der Hexameter ein datthlicher Vers iſt, ſo künnte man erwarten, daß ein in dieſem Versmaße verfaßtes Gedicht aus Verſen beſtehe, die ſimmtlich oder doch nur mit ſeltenen Ausnahmten lauter Dattylen enthalten. In der früheſten Poeſie der Griechen, von denen ſit vivins Andrornitus die Nümer ihre Metrn entlehnten, war dies auch der Fall, nur in der Mite und am Ende kat an die Stelle des Dakthlus der gleichiegende Spondeus. Der Herameter verdankt nämlich ſeine Entftehung der älteſten dakthlichen Neihe, der dathlicchen Triodie, welche dem epiſchen Geſange als Träger diente und noch in den ſogenannten doriſchen Strophen, denen ſie zu Grunde lag, den Spondeus auf den Schlußtakt beſchräntte. Die Verbindung zweier folcher datthliſchen Reiben zu perisdiſchem Vorder⸗ und Nachſatz ergab den Hexameter, der alſo zunächſt dieſes Maß hatte:
Woegen des ruhlgen Ernſtes der äͤlteften Poeſſe und wegen der Venvendung zu melſſchen Zwecen wirtte die oftmalige Wieverholung eines ſolchen Verſes nicht ermüdend auf die Hörer; beim dellamatvriſchen Vortrage aber würde ein ſolcher immer wiederkehrender Hernmeter durch ſeinen gleicförmigen Bau und vollenden Gang eine mnerträgliche Monotonie erzeugt haben. Wir ſinden deshalb auch ſchon bei Homer hinſichlich der Vervendung der Spondeen ſtatt der Daktylen große Mannigfaligkeit und bei den Römern, namentlich bei Ooid, bilden die nur aus Dalthlen beſtehenden Verſe(von dem letten uße abgeſehen) geradezn eine ziemlich ſeltene Auouahme⸗ Unter den 5154 Verſen der erſin ſoben Bücher der Metamorphoſen ſinden ſic nur 278 mit lauter Datthlen in den erſten fünf Füßen; wo ſie varkommen, dienen ſie meiſt nur maleriſchen Zwecen, bei deren Hervorhebung wir jedoch nicht bloß die rein datthliſchen, ſondern auch ſolche Verſe zu berichſihligen haben, welche überwiegend Daktylen enthalten..
—) Gcſammelte Werke 6. d. Leigig 1830, S. 110.
—= Wehaf, Vorſchule der Dichtkenſt. Braunſchw. 1360, S. 48 1*


