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2 (1864)
Entstehung
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zu einer mehr geistigen, ernst-treuherzigen und keuschen Verehrung der göttlichen Mächte hinlenkte. Ein Verbrennen der Opferthiere oder einzelner Theile derselben, wie es bei Griechen und Römern geschah, fand bei den Germanen nicht statt; daher auch eigentliche Altäre bei ihnen nicht vorkamen. Auch das ist noch zu bemerken, dass ihre Götter mehr den Griechischen, ihr Aberglaube mehr dem Römischen glich. Dualismus war ihrer Religion ebenso fremd, wie Fetischismus. Vergl. Nägelsbach nachhom. Theologie Seite 140. Preller Röm. Mythol. S. 44. Grimm Deutsche Mythol. 2. Ausg. XLIII. XLIV. XLVII. und 149. Wenn Caesar de bello Gall. 6, 21. von der Religion der Germanen sagt:»Deorum numero eos solos ducunt, quos cernunt et quorum aperte opibus juvantur, Solem et Vulcanum et Lunam; reliquos ne fama quidem acceperunt«, so hat er, der weder Götterbilder noch Tempel, noch überhaupt das vorfand, was auf bestimmte Götter-Persön- lichkeiten schliessen liess, damit, wie ich vermuthe, nur ausdrücken wollen, dass die Naturkräfte von den Germanen als Götter verehrt würden. In diesem Sinn hat Caesar den Grundcharacter der Germanischen Religion richtig bezeichnet. Wollte man dagegen seine Worte so fassen, als habe er mit Sol u. s. W. die Hauptgottheiten bezeichnet, so würde seine Nachricht mit allen andern Ueberlieferungen im Widerspruch stehn*¹).

Doch kehren wir zum 9. Kapitel zurück! Dasselbe zerfällt, wie gesagt, in zwei Theile, deren erster bis»advectam religionem- reicht und von einigen dem Tacitus besonders merkwürdigen Göttern der Germanen handelt.

Als denjenigen Gott, welcher mehr denn alle anderen Götter verehrt wurde, nennt Tacitus den Mercurius. Dass damit Wuotan(so lautet der Name althochdeutsch; alt- niederdeutsch lautet er: Wodan, altnordisch: Odhinn) gemeint sei, lehrt einmal eine Vergleichung der Römischen und der Deutschen, noch in heidnischer Zeit entstandenen, Wochentags-Namen, wonach dies Mercurii= Wuotanstak(Wednesday der Engländer, Godenstag der Westphalen) ist, sodann folgende Stelle aus des Paulus Diaconus Geschichte der Longobarden I, 8.»Wodan sane, quam aqdjecta litera Gwodan dixerunt(Longobardi), ipse est, qui apud Romanos Mercurius dicitur et ab universis Germaniae gentibus ut Deus adoratur«.(Ut« wird übrigens hier nicht, wie in den Zeiten guter Latinität, zur Be- zeichnung einer blossen Aehnlichkeit, sondern als Ausdruck der vollständigen Anerkennung gebraucht.). Noch andere Stellen, wo Mercurius für Wuotan steht, siehe bei Grimm Deut. Myth. 2. Ausg. S. 110.

Es kann auffallend erscheinen, dass die Römer den Wuotan, der von den Germanen als höchster der Götter verehrt wurde, ihrem Mercurius, einer untergeordneten Gottheit, entsprechend fanden; allein es findet sich in der That manche Uebereinstimmung zwischen den Eigenschaften beider. Denn Wuotan, dessen Name Grimm(Deut. Myth. S. 120) von

*) Eine andere Erklärung der Stelle aus Caesar findet sich bei Mannhardt Götter der Deutschen S. 70. Sie ist mir aber erst bekannt geworden, als der Druck des Textes schon vollendet war.