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Sechstes Kapitel.
Zuerst mögen einige allgemeine Bemerkungen über dieses und die beiden folgenden Kapitel hier Platz finden! In diesen drei Kapiteln handelt Tacitus, indem er von der noch zur Beschreibung des Landes gehörigen Erwähnung des Eisens ausgeht, von dem Kriegs- wesen der Germanen. Erst beschreibt er deren Ausrüstung(Waffen und Pferde), sodann die Bestandtheile ihres Heeres und die Kampfweise; darauf wird von Beginn des 7. Kapitels an die Leitung im Krieg geschildert, und endlich der bei den Germanen vorkommenden eigenthümlichen Antriebe zur Tapferkeit Erwähnung gethan, woran Tacitus eine Bemerkung über die Geltung, in welcher die Prauen bei den Germanen stehen, anknüpft.
Der Satz:„ne ferrum quidem superest“ drückt eine Beziehung auf das vorher genannte Gold und Silber aus und verknüpft dieses Kapitel mit dem vorhergehenden.
Was die Ausrüstung angeht, so kommt dabei zunächst der Ausdruck:„maiores lanceae“ in Betracht. Nach Anthony Rich(illustrirtes Wörterbuch der Römischen Alter- thümer, übersetzt von Müller) war die lancea ein langer, leichter Speer, mit breitem, plattem Kopfe, der als Pike und als Wurfgeschoss besonders der griechischen Reiterei und den Jägern diente, und an dessen Schaft eine lederne Schlinge befestigt war; aber da eine Abbildung dieser Waffe, wie der genannte Verfasser sagt, nicht mit Sicherheit zu ermitteln ist, so müssen wir auf eine deutliche Vorstellung verzichten. Darum können wir auch nicht beurtheilen, wie sich unsere Stelle zu andern Stellen(Ann. I, 64. II, 14. u. 21.), wo Tacitus den Germanen„hastas ingentes, enormes, praelongas“ beilegt, verhalte. Nur soviel dürfte sich ergeben, dass die lanceae zugleich zum Stossen und zum Weit- werfen gebraucht wurden, und dass sich die Germanen solcher Waffen nur selten bedienten.
Der Name: framea ist, wie Tacitus selbst sagt, ein germanischer und lautete wol eigentlich framja, so dass er für ein weibliches Substantivum zu halten ist. Er bedeutet, wie Müllenhoff in Haupts Zeitschrift 7, 383. wahrscheinlich macht, soviel als die vollendende, die durchbohrende(Waffe)— telum perficiens. Andere Deutungen findet man in Haupts Zeitschrift 2, 558. u. w.; ferner Zeitschrift von Kuhn und Aufrecht 6, 424. u. W. Die framea diente übrigens nicht zum Weitwerfen, da hierzu besondere missilia, unter denen wir uns wol vorzugsweise Speere denken müssen, gebraucht wurden.
Die Worte:„nudi aut sagulo leves“ bezeichnen, dass die Germanen entweder kein Obergewand trugen, oder durch ihren Kriegsmantel nur wenig am Werfen gehindert wurden.
„Lectissimis coloribus distinguunt“. Diese Sitte, die Schilde durch Farben auszu- zeichnen, dauerte durch das ganze Mittelalter fort. Vgl. Gudrun Str. 173; Nibelungenlied Str. 1755. und 1776. Ausserdem findet sich noch bei Tacitus, Annal. II, 14. eine


