Fünftes Kapitel.
Das Land der Germanen, dessen Schilderung Tacitus der Sittenschilderung voran- schickt, Wird von ihm so beschrieben, dass er zuerst ganz kurz von der Beschaffenheit des Bodens und von dem Klima, dann etwas ausführlicher von den Erzeugnissen— nämlich an Früchten, Vieh und Metallen— hanqdelt.
Die Worte: etsi aliquanto specie differt sollen zur Entschuldigung dienen, wenn das nachfolgende, wenig günstige und sehr kurze Urtheil(es ist offenbar nur aus dem Eindruck, welchen der Südländer bei dem Eintritt in Germanien empfieng, zu erklären) nicht überall zutreffen sollte.
Zu dem Worte: universum ist aestimantibus hinzuzudenken.
Das Beiwort: humidior ist durchaus zutreffend, wenn man vorzugsweise dabei an die Gegenden auf der rechten Seite des Niederrheins, nämlich die Friesischen, denkt; dagegen ist die Bedeutung des Beiwortes: ventosior etwas räthselhaft. Denn es ist nicht bekannt, dass die Gegenden auf der linken Seite der Donau, von Linz bis Pressburg, den Winden mehr ausgesetzt wären, als andere Gegenden Deutschlands.
„Satis“ bei ferax ist als Ablativus im Sinn von: segetibus aufzufassen, was durch Stellen wie Plin. epp. IV, 15, 8. Virgil. Georg. II, 222. hinlänglich gerechtfertigt wird.
Die Worte: frugiferarum arborum sind hier in Römischem Sinn zu nehmen und bezeichnen die in Italien damals üblichen Fruchtbäume, von welchen nach dem Zeugnis des Plinius(h. nat. XV, 30.) nur die Kirsche sich bis zum Rhein vorgewagt hatte. Wenn dagegen Tacitus im 10. Kapitel sagt, dass die Germanen sich der Zweige von Frucht- bäumen bedient hätten, so meint er Fruchtbäume nach Deutscher Auflfassung, als Buchen, Holzäpfel u. S. w.
Das Wort: improcera kann vermöge der Antiptosis(Krügers lat. Grammatik§. 715. und 670.) grammatisch auf terra bezogen werden, oder es ist ein Wechsel des Subjects anzunehmen, wonach„pecora sunt“ hinzuzudenken ist. Das nachfolgende Wort: armentis scheint für letztere Auffassung zu sprechen.
Der Ausdruck:„ne armentis quidem suus honor“ soll wol besagen, dass den Acker- thieren(Pferden und Rindvieh) das ihnen in südlichen Landen zukommende stattliche Aussehen fehle; die folgenden Worte„gloria frontis“ scheinen ausdrücklich auf die Rinder zu gehen(die italiänische Ochsenart von grauer oder weisser Farbe ist nämlich durch Grösse und stattliche Hörner besonders ausgezeichnet).
Der Satz:„eaeque solae et gratissimae opes sunt“ findet unter Anderem seine Bestätigung in den um einige Jahrhunderte späteren, germanischen Gesetzbüchern, in welchen die Bussen in Vieh bezeichnet sind. Ja uoch jetzt bezeichnet in Island das Wort: Fe soviel als Vermögen(Rühs a. a. O. S. 177).


