30.
Die Biene und die Henne.
Nun, Biene, ſprach die träge Henne, Dieß muß ich in der That geſtehn, So lang ich dich nunmehro kenne:
So ſeh ich dich auch müßig gehn.
5 Du thuſt ja nichts, als dich vergnügen. Im Garten auf die Blumen fliegen, Und ihren Blüthen Saft entziehn, Mag eben nicht ſo ſehr bemühn.
Bleib immer auf der Nelke ſitzen,
10 Dann fliege zu dem Roſenſtrauch, Wär ich, wie du, ich thät es auch, Was brauchſt du andern viel zu nützen? Genug, daß wir ſo manchen Morgen, Mit Eyern, unſer Haus verſorgen.
15 Ol rief die Biene, ſpotte nicht, Du denkſt, weil ich bey meiner Pflicht Nicht ſo, wie du, bey einem Eye, Aus vollem Halſe zehnmal ſchreye: So denkſt du, wär ich ohne Fleiß.
20 Der Bienenſtock ſey mein Beweis, Wer Kunſt und Arbeit beſſer kenne, Ich oder eine träge Henne?
Denn, wenn wir auf den Blumen liegen:
So ſind wir nicht auf uns bedacht,
25 Wir ſammlen Saft, der Honig macht, Um Mund und Zunge zu vergnügen. Macht unſer Fleiß kein groß Geräuſch,
(Bel. 1744 A, S. 461.) Und ſchreyen wir bey warmen Tagen, Wenn wir den Saft in Zellen tragen, 30 Uns nicht, wie du im Neſte, heiſch: So präge dir es itzund ein: Die Bienen haſſen ſtets den Schein; Will jemand ihrer kundig ſeyn, Der muß in Honig, Roſt und Kuchen, 35 Fleiß, Kunſt und Ordnung unterſuchen. Auch hat uns die Natur beſchenkt, Und einen Stachel eingeſenkt, Damit wir die beſtrafen ſollen, Die, was ſie ſelber nicht verſtehn, 40 Doch meiſtern und verachten wollen; Drum, Henne, rath ich dir, zu gehn.
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O Spötter, der mit ſtolzer Mine, In ſich verliebt, die Dichtkunſt ſchilt; Dich unterrichtet dieſes Bild.
45 Die Dichtkunſt iſt die ſtille Biene; Und willſt du ſelbſt die Henne ſeyn; So trifft die Fabel völlig ein.
Du fragſt, was nützt die Poeſie? Sie lehrt und unterrichtet nie.
50 Allein, wie kannſt du doch ſo fragen? Du ſiehſt an dir, wozu ſie nützt: Dem, der nicht viel Verſtand beſitzt, Die Wahrheit, durch ein Bild, zu ſagen.
Die Anderungen im 1. Buch der Fabeln u. Prz. sind gering: Z. 3: So lange Zeit, als ich dich kenne, Z. 5: Du ſinnſt auf nichts als dein Vergnügen, Z. 26: Um fremde Zungen zu vergnügen, Z. 32— 34: Wir haſſen allen ſtolzen Schein; Und wer uns kennen will, der muß in Roſt und Kuchen; Z. 38: Mit dem wir etc.


