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2 (1907)
Entstehung
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Du liebſt die Scheere mehr, als mich und meinen Willen, Biſt zum Verſprechen ſchnell und langſam im Erfüllen. O! rief das Kind gerührt, du weiſt ja, wie ich bin,

40 Drum, Vater, höre mich, und nimm die Scheere hin, Zerbrich ſie ganz und gar: ſo werd ich ſie nicht lieben, Mich weiter nicht vergehn, dich weiter nicht betrüben. Hier iſt ſie, nimm ſie doch. Nein, ſprach der Vater, nein! Ich will, die Scheere ſoll vor deinen Augen ſeyn.

45 Kannſt du das Meſſer fliehn, die ſpitzge Nadel haſſen: So biſt du auch geſchickt, die Scheere ſtehn zu laſſen. Denn nehm ich dieſe weg: ſo fehlſt du zwar nicht mehr, Allein was wäre Zwang, wenn dieß Gehorſam wär? Wie leichte könnt ich dir die tollen Hände binden!

50 Frey, will ich, ſollſt du ſeyn, und frey dich überwinden.

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O Menſch, verſchone ja dieß Kind mit deinem Spott. Wir Klugen machen es viel thörichter mit Gott.

Schrift und Vernunft verbeut. Was pflegen wir zu laſſen? Was jedem von Natur am leichtſten fällt zu haſſen.

55 Ein ſtill und träges Herz, das nichts von Thaten hält, Erſtickt den Hochmuth gern; denn ſeine Luſt iſt Geld. Der fühlt den Wolluſttrieb, doch will er Tugend üben, Er flieht den Geiz, warum? Er pflegt kein Geld zu lieben. Der Stolze, deſſen Zweck nicht Wolluſt leiden kann,

60 Steht auf und kündigt ihr den Krieg mit einmal an. Setzt unſer Kind hieher. Sagt, handeln jene beſſer? Die Scheere liebt das Kind und läßt dafür das Meſſer.

Zerbrich die Scheere doch, fleht nicht allein das Kind. Sagt, ob die Menſchen oft im Bethen klüger ſind?

65 Was heißt: bewahre mich! in vieler tauſend Seelen, Als: ändre die Natur und wehre mir das Wählen?

Doch warum läßt uns Gott zum Böſen Stoff und Kraft? Freund, wenn kein Böſes wär, wo wärſt du tugendhaft? Brauch Wahrheit und Vernunft, dieß ſind der Freyheit Waffen,

70 Wo nicht: ſo bitte Gott, aus dir ein Klotz zu ſchaffen.

O ſchöne Scheere, laß dich küſſen!

ch rühre ja kein Meſſer an,

o werd ich doch Schon griff es nach der Scheere.

Ja, wenn ich unvorſichtig wäre,

Da freilich ſchnitte mich die Scheere;

Allein ich bin ja ſchon mit ihr bekannt. Die Dinge, die wir wenig ſchätzen, 3

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So ſprachs, und ſchnitt ſich in die Hand. 30 Die Mutter kam. O welche harte Lehre! Ach, hub das Kind fußfällig an, Es kränkt mich ſehr, daß ichs gethan. Ich bitte Sie, zerbrechen Sie die Scheere, Damit ich ſie nicht mehr begehre, 35 Und ohne Zwang gehorchen kann.

Oft ſind wir Menſchen dieſes Kind. Verſehn mit billigen Geſetzen, Die göttlich und uns heilſam ſind, Scheut ſich das Herz, ſie alle zu verletzen. 40 Wir unterlaſſen, wie das Kind,

Um die zu thun, die uns am liebſten ſind. Die Reue kömmt. Wir ſehn, wie ſehr wir fehlen; Dann denken wir, dann beten wir als Kind. 45 Was heihn in vieler tauſend Seelen: Bewahre mich, o Gott, vor dieſer Miſſethat! Was heißt es? Wehre mir das Wählen, Damit mein Herz den Zwang nicht nöthig hat.