Druckschrift 
2 (1907)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Dem Vogelſteller muß es glücken, Einſt dieſe Sängrinn zu berücken; Er fängt ſie durch Betrug und Liſt. 40 Dir, ſpricht ſie, ſing ich tauſend Lieder; O gieb mir meine Freyheit wieder, Wenn du nicht unerbittlich biſt.

Die Bitte wird ihr abgeſchlagen. Ol fängt ſie zärtlich an zu klagen: 45 Gern gäb ich meine Freyheit hin; O ſollt ich nur bey meinem Grämen, Noch von der Freundinn Abſchied nehmen, Der ich ſo treu gewogen bin.

Dich noch einmal mit ihr zu laben, 50 Dieß, ſprach der Fänger, ſollſt du haben, So ungerecht verfahr ich nie. Ich will dich hier, bey dieſen Hecken, In einen grünen Bauer ſtecken; Hier lockſt du ſie mit leichter Müh.

55 Und daß ich nicht zu ſtrenge ſcheine: So laß ich dich mit ihr alleine.

Er geht. Drauf klagt die Nachtigall; Das Weibchen hört die bangen Klagen, Und naht ſich ſchüchtern und mit Zagen 60 Zu ſeinem Gatten, und zum Fall.

Sie letzen ſich mit treuen Küſſen; Der Fänger iſt indeß befliſſen Und legt ſich liſtig auf den Bauch. Nichts ſehen beyde vor Entzücken, 65 Er weis ſein Netz verſteckt zu rücken, Und kurz, er fängt die Freundinn auch.

Ein ohne Vorſicht zärtlichs Herze, Liebt vielmals zu des andern Schmerze, Aus welchem ſeine Glut entſpringt:

70 O Vorwurf für die ſüßen Triebe, Daß man aus allzu großer Liebe Seiin Liebſtes oft ins Unglück bringt!

Die Bienen. Bey warm- und ſchwüler Sommerszeit Entſponn ſich in dem Bienen-Heere Ein nie erregter Vorzugsſtreit: Wer beſſer oder ſchlechter wäre; Ob jene, die durch ihr Bemühn Den Saft aus Kraut und Blumen ziehn; Ob dieſe, die aus nahen Flüſſen Dem Stocke Waſſer bringen müſſen?

20.

(Bel. 1743 A, S. 558.)

Der Vorzug, war der erſten Wort,

10 Fällt jedem leichtlich in die Augen, Uns bleibt er, die wir hier und dort Das Mark aus ſüßen Blumen ſaugen; Uns, die wir ſtets beſchäfftigt ſind, Daß unſer Roſt von Honig rinnt,

15 Wenn wir mit Kunſt bey warmen Tagen Die Höschen in die Zellen tragen.

Die Bienen. In einem Bienenſtock entſpann ſich einſt ein Streit Der bürgerlichen Eitelkeit; Mit einem Wort, ein Streit der Ehre, Wer edler und unedler wäre. O! rief die ſtachlichte Parthey, Was braucht man lange noch zu fragen, Wer beſſer oder ſchlechter ſey? Wir, die wir in den warmen Tagen Die Höschen in die Zellen tragen 10 Und ſtets mit Kunſt beſchäfftigt ſind, Daß unſer Roſt von Honig rinnt; Wer ſieht es nicht, daß wir die Beſſern ſind? Was braucht man alſo noch zu fragen?

t

So? fielen hier die andern ein, 15 Wo wird denn euer Honig ſein, Wofern wir nicht das Waſſer künſtlich tragen? Daß euer Stachel uns gebricht,

(3. Buch, Nr. 17.)

Dieß ſchadet unſerm Werthe nicht. Genug, daß wir das Amt getreu verwalten, 20 Wozu der Staat uns für geſchickt gehalten. So niedrig unſre Pflicht euch ſcheint, So ſoll euch doch der Ausgang lehren, Daß wir mit euch zugleich vereint ur ganzen Republik gehören. 25 Sie trugen drauf kein Waſſer mehr. Nun mußten die, die Honig machten, Fliehn, oder in der Brut verſchmachten, Und viele Zellen wurden leer.

Der Weiſer rief darauf den Reſt der Unterthanen, 30 Um ſie zur Eintracht zu ermahnen.

Der Unterſchied in eurer Pflicht

Erzeugt, ſprach er, den Vorzug nicht.

Nur die dem Staat am treuſten dienen,

Dieß ſind allein die beſſern Bienen.