Bätus und Arria.
(Bel. 1743 4A, S. 175).
Ein an des Nero Hof ſonſt wohl gelittner Mann, Der dieſes Prinzen Gunſt nicht mehr behaupten kann, Erfährt die Grauſamkeit, mit der Tyrannen quälen, 3 Ihm wird der Dolch geſchickt, ſich ſelber zu entſeelen. 5 Ein Stummer bringt den Stahl, den Pätus unſchuldsvoll Sich, nach des Kaiſers Wink, ins Herze ſtoßen ſoll; Ein Stummer bringt den Stahl, und darf nicht eher weichen, Er ſähe Pätus denn durch dieſen Dolch erbleichen. Man bringt ihm dieſe Poſt noch da er Tafel hält, 10 Und mit der treuſten Frau, der beſten von der Welt, Ein reizendes Gezänk von Zärtlichkeit und Lieben, Zur Wolluſt des Geſchmacks, in ſüßer Ruh getrieben. Vor Angſt ſtirbt Pätus faſt, eh er den Dolch ergreift, Die Liebe zu der Frau, die ihm die Marter häuft, 15 Der Abſcheu vor dem Tod, die Liebe zu dem Leben, Verſagen ihm den Dolch, den Nero ihm gegeben. Kaum merkt dieß Arria: ſo ſtößt ſie voller Luſt, Das mördriſche Gewehr ſich ſelber in die Bruſt, Und zieht es bald heraus und ſpricht aus treuem Herzen: 20 Mein Mann, es thut nicht weh; doch der Stich wird mich ſchmerzen,
Der deine Bruſt durchbohrt.
Hier haſt du deinen Stahl,
Stirb ſo getroſt, als ich. Dieß that auch ihr Gemahl.
Die Nachtigall.
Aus Neigung gegen Philomelen, Kann ich das Schickſal kaum erzählen, Das dieſe Sängerinn erfuhr.
O Leſer, willſt du mich verbinden, 5 So laß dich voller Mitleid finden; Denn ſie verdients; beklag ſie nur!
In dichten und bewachsnen Büſchen, Die durch den Schatten erſt erfriſchen, Und durch Geruch uns auch erfreun; 10 Jn dieſen Büſchen ſang die Kleine, Beym Morgenroth, beym Abendſcheine, Unendlich ſtark, unendlich fein.
Früh, wenn noch alle Vögel ſchwiegen, Früh, eh der Thau noch aufgeſtiegen,
15 Drang ſchon ihr Ton ins Thal herab: Nie ſchien der Thau ſich aufzuſchwingen, Als bis ſie durch ihr reizend Singen, Ihm gleichſam die Bewegung gab.
(Bel. 1743 A, S. 289.)
Ich ſelber konnte deutlich ſchauen, 20 Wie jener Bach, in nahen Auen, Stets früh und Abends ſachte ging; Um nur den Ton mit an zu hören, Der, wie er ſchloß, bloß ihm zu Ehren, Sich itzund an zu heben fing.
25 Die Kunſt aus Philomelens Munde Hat auch das Echo, manche Stunde, In Eiferſucht und Scham gebracht; Weil dieſes in den ſteilen Klippen, Nur ſtets zu ſpät, mit ſchweren Lippen,
30 Die letzten Töne nachgemacht.
Was regten ſich für ſanfte Triebe, Wenn ſie mit Kunſt und auch mit Liebe Die ferne Freundinn ſchamhaft rief;
Und wenn bey Locken, Flehn und Zagen, 35 Noch ſtets ein zärtliches Verklagen Mit unter ihre Töne lief!


