Druckschrift 
1 (1904)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Zween Wandrer.

Zween Wandrer überfiel die Nacht. O Bruder, nimm dich ja in Acht! Rief Kunz, vom Schrecken eingenommen, Damit wir nicht vom Wege kommen.

5 Dort läßt ſich ſchon ein Irrlicht ſehn, Nur daß wir uns nicht ſelber blenden, Und uns nach dieſem Lichte wenden:; Sonſt iſt es um den Weg geſchehn.

Schon gut! rief Velten, ſchweige nur! Doch Bruder, wenn ich die Natur, Und was ein Irrwiſch ſagen wollte, Nur einmal recht verſtehen ſollte. Gelehrte nennen es die Dunſt,

Die aus den Sümpfen aufgeſtiegen. 5 Ich weis nicht, ob die Leute lügen, Mich hintergehn, iſt keine Kunſt.

Sag, Velten, ob du thöricht biſt? Du weiſt nicht, was ein Irrlicht iſt? O dürft ichs nur bey Nachtzeit wagen, Ich wollte dirs wohl anders ſagen. Iſts wahr, daß du kein Irrlicht kennſt? Das Schrecken ſagt mirs im Gemüthe, Ein Irrlicht, daß mich Gott behüte, Ein Irrlicht, das iſt ein Geſpenſt.

Den Drachen haſt du doch geſehn,

Der, wie zu Stephens Zeit geſchehn, Bey Kleindorf im Vorüberziehen, Getreyd und Kälber ausgeſpieen. Das, was der Drach im Großen heißt, 30 Das nenn das Irrlicht nur im Kleinen, Denn da ſie bloß bey Nacht erſcheinen; So ſind ſie wohl kein guter Geiſt.

1

2

&

Die beiden

2 O Velten

3 Sprach Kunz, von Schrecken eingenommen eile nur.

11 Irrlicht

3 Studirte

16 Denn oft iſt Lügen ihre Kunſt.

17 Sprich

12 Und biſt ſchon nah an dreyßig Jahre? 23 bewahre

30 Nenn ich das Irrlicht gern im Kleinen 31 nur bey Nacht

35 Ich, ohne, Kunz, dich dumm zu nennen 36 Muß die Geſpenſter beſſer kennen

37 So ſpräche man? Nein, Kunz, ich ſage 49 Schweig, Velten, das klingt lügenhaft 51 ſchwören

(II 380.)

Nein, Kunz, nein, ſag ich! Nimmermehr, Ein Irrwiſch iſt kein wütend Heer! 35 Ich werde, mit Erlaub zu nennen, Doch auch noch wohl Geſpenſter kennen. Ein Rübezahl, ein ſolches Thier, Als zu Gehofen ehedeſſen Die Küch im Edelhof beſeſſen, 40 Dieß ſind Geſpenſter, glaube mir!

Ein Irrwiſch muß was anders ſeyn. K. Wie, Velten, nennſt du dieſen Schein? V. Ich nenn ihn Irrwiſch. K. Iſts erhöret? Wer hat dich wieder das gelehret? 45 Ein Irrlicht heißts; kein Irrwiſch nicht! So ſpricht man ja mein Lebetage. V. So ſpricht man ja: ich aber ſage, Daß alle Welt ein Irrwiſch ſpricht.

K. O Velten, ſey nicht lügenhaft.

50 Ich hab es auf der Wanderſchaft Und Bruder, ohne viel zu ſchweren, Von Meiſtern Irrlicht nennen hören. Bey dieſem ſo erhitzten Streit Gerathen beyde von dem Stege »Auf ihres Irrlichts krumme Wege, Bey aller der Gelehrſamkeit.

Wo, rief drauf Velten, ſind wir nun? ſt das nicht ein verwünſchtes Thun? amit wir beyde ſinnreich irren, 60 Mußt ein Geſchwätz uns noch verwirren. Da wir die Sache nicht verſtehn: So zankten wir noch um den Namen, Damit wir ja vom Wege kamen. Du Disputirkunſt lohnſt uns ſchön!

* H

53 ff. So ſtritten ſie noch lange Zeit

Itzt um die Sach, itzt um den Namen

Bis ſie zuletzt vom Wege kamen.

Und ſchimpfend ſchloſſen ſie den Streit. So ſtreiten unſtudirte Velten

Um Sachen, die ſie nicht verſtehn,

Und endigen den Streit mit Schelten.

Die Thoren ſollten erſt zu den gelehrten Velten

Und Kunzen in die Schule gehn!

Die ſtreiten dialectiſch ſchön,

Und ohne Wortkrieg, ohne Schelten,

Um Dinge, die ſie ganz verſtehn,

Und fehlen ihres Weges ſelten,

Weil ſie den Weg der Schulen gehen;

Denn da läßt ſich kein Irrlicht ſehn.