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Der Sperling und die Taube.(II 100.)
Ein Vogel unverſchämter Zucht,
Der lieber ſtiehlt, als Arbeit ſucht,
Ein Sperling half den frommen Tauben Oft ihre Koſt vom Schlage rauben. Früh, wenn, beym erſten Sonnenſchein, Der Hauswirth ſang, und Futter ſtreute, Fand er ſich an des Schlages Seite Mehr frech, als ſcheu, zum Frühſtück ein.
Die Tauben ſagten erſt kein Wort; Dann ſcheuchten ſie den Fremdling fort: Doch kam das ſchelmiſche Gefieder,
Wo heute nicht, gleich morgen wieder. Drauf nahm ſich aus dem Taubenchor Die ältſte von den ſtillen Thieren,
5 Des Unrechts ihn zu überführen,
Mehr redlich, als gekünſtelt, vor.
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Sie war des ganzen Schlages Preis, An Hals und Bruſt, wie Schnee, ſo weiß, Im blauen Schwanz und blauen Flügeln 20 Schien ſich ihr Mann oft zu beſpiegeln. Sie trug die Bruſt gewölbt und frey, Die ſchönſten Latſchen an den Füſſen; Sie konnt auch alt noch zärtlich küſſen, War ſchön und doch dem Manne treu.
25 Noch größre Dinge zierten ſie,
Sie hatte mit geſchickter Müh
Wohl zwanzig Kinder aufgezogen,
Die ihr zum Ruhm im Schlage flogen. Sie nahm ſie zeitig mit ins Feld,
Sie ließ ſie nie zu Schaden fliegen. Die Körner, die in Furchen liegen, Die, lehrte ſie, ſind euch beſtellt.
Von dieſer wird das Werk gewagt.
Der Sperling kömmt, noch eh es tagt. 35 Nicht ungeſtüm und auch nicht blöde
Setzt ſie den fremden Gaſt zur Rede.
Biſt du, ſo fragt ſie, tugendhaft?
Mit deiner Nahrung unzufrieden,
Nimmſt du, was mir und den beſchieden? 40 Dieß iſt der Böſen Eigenſchaft!
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Der Sperling ward ſo gleich gerührt; Nur bin ich noch nicht überführt, Ob mehr ihr Anſehn oder Sagen Zu dieſem Siege beygetragen. 45 Die Überzeugung war geſchehn; Ihm fällt das Korn aus ſeinem Munde: O! ſpricht er, gleich von dieſer Stunde Sollſt du mich nun verändert ſehn. Er hält ſein Wort auch ohne Schwur, 50 Und zwingt die lüſterne Natur; Und ob er öfters füttern ſahe, Kam er doch nie dem Schlage nahe. Die Gärten ſtillten ſeine Luſt; Denn junge Schoten auszureißen, 55 Die beſten Kirſchen auszubeißen, Hat nie ein Spatz ſo gut gewußt. Einſt frißt er in der ſchönſten Ruh, Da ſieht ihm unſre Taube zu, Und ſpricht: Wie klug weiſt du im Sitzen
60 Der Fremden Frucht bequem zu nützen.
Der Sperling hüpft ſo gleich empor:
Nun, ſchreyt er, kannſt du mich noch haſſen? Hab ich mein Laſter nicht gelaſſen?
Bin ich nicht frömmer, als zuvor?
65 Du, frömmer? rief die Taube nach, Du biſt noch eben deine Schmach, Du biſt, wie ſonſt, der geile Freſſer, Und ſcheinſt dir nur vergebens beſſer. Dir wohnt dein böſer Trieb noch bey,
70 Du ſtillſt ihn nur mit andern Dingen, Und ſuchſt dir ſchmeichelnd beyzubringen, Daß deine Bruſt gebeſſert ſey.
Bald, Plato, trifft dein Ausſpruch ein;
Die Tugend ſcheint ein Tauſch zu ſeyn;
75 Ein Laſter wird itzt ausgetrieben, Ein anders fängt man an zu lieben. Der Weichling flieht den geilen Scherz, Wird karg und nennt ſich fromm und klüger. Wer iſt der liſtigſte Betrüger?
80 Iſts nicht des Menſchen eignes Herz?


