Die Lerche.
Bey manches Morgens hellem Schimmer, Sang Damons Lerche froh bemüht,
Mit Schmettern durch das ganze Zimmer, Dem lieben Wirth ein Morgenlied; 5 Und ruhte nicht, bis daß ihr Klang Das ganze Haus erfüllt durchdrang.
Einſt lehnt ihr Damon zum Vergnügen Das Thürchen nicht beym Füttern an, So, daß ſie aus dem Bauer fliegen,
10 Und in der Stube flattern kann. Sie fliegt, und ſang ſie vormals ſehr, So ſingt ſie itzt noch dreymal mehr.
Auch Vögeln iſt die Freyheit lieber, Als Kerker, welche Gold umzieht. 15 Sie ſitzt, ſo, daß ſie gegenüber In Damons großen Spiegel ſieht. Sie ſieht ſich ſelbſt, und meynt dabei, Daß dieſes Bild die Schweſter ſey.
Sie ſtutzt, und regt die kleinen Schwingen, 20 Bald will ſie fort, bald bleibt ſie hier. Dann fängt ſie ſchmetternd an zu ſingen, Drauf öffnet Damon bald die Thür. Da dringt der Schall im Augenblick Aus dem gewölbten Saal zurück.
Sie läßt ſich zwo Minuten ſtören;
Die Ehrſucht martert ihren Geiſt. Sie meynt die Schweſter ſelbſt zu hören,
(I 557.)
Ddie ihr der falſche Spiegel weiſt. Drauf läßt ſie ſich mit ſich allein,
30 Betrogen, in den Wetſſtreit ein.
Sie ſingt aus ehrſuchtsvollem Grimme, Sie zieht, ſie trillert, mengt und paart Der hellen Kehle ſtarke Stimme Auf hundert und auf tauſend Art.
35 Umſonſt iſt ihre ganze Müh; Stets ſingt das Echo ſo, wie ſie.
Noch läßt ſie ſich nicht kraftlos finden; Sie ſingt und will zu ihrer Pein Eh ſterben, als nicht überwinden, 40 Eh ſiegen, als am Leben ſeyn. Sie ſingt; allein zu ihrer Schmach, Das Echo wacht, und thut es nach.
Drauf ſchießt ſie, bey dem letzten Zuge, Die ſo bethörte Sängerinn, 45 Mit aufgebrachtem ſchnellen Fluge Nach der verhaßten Freundinn hin, Und ſtößt ſich in der Raſerey Am Spiegel Kopf und Hirn entzwey.
Hier trägt ſie Damon aus der Stube: 50 O! ſpricht er, da er nachgedacht, O kämen die in eine Grube, Die Ehr und Schatten umgebracht: So würdeſt du wohl manchem Held, Und manchem Weiſen beygeſellt.
Die Lerche, die zu Damons Freuden, Frey im Gemach, ihr Lied oft ſang, Und ungewohnt, den Wiederhall zu leiden, Der aus dem nahen Zimmer drang,
5 Mit deſto ſtärkrer Stimme ſang; Saß itzt dem Spiegel gegenüber, Und ſang, und ſah ihr eignes Bild, Und floß, mit Eiferſucht erfüllt, Von ſchmetternden Geſängen über;
10 Und bildete, zu ihrer Pein,
An ihrem eignen Wiederſchein Sich einen Nebenbuhler ein.
Noch oft erhöhte ſie die Stimme; Allein umſonſt war Kunſt und Müh, 15 Stets ſang der Wiederhall, wie ſie. Sie ſchoß darauf mit ehrſuchtsvollem Grimme Auf ihren Nebenbuhler zu, Den ihr der Spiegel vorgelogen, Und ſtarb, ſich ſelbſt zu ſehr gewogen, 20 Faſt ſo, Ruhmſüchtiger, wie du! Durch Eitelkeit und durch ein Nichts betrogen.


