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4. Die Seemuſchel und der Krebs.(I 467.) Da, wo der weite Belt den Deutſchen nahgekommen,
Ward einſt ein junger Krebs mit Unmuth eingenommen.
Die Muſchel, die ihr Haus itzt von einander zog,
Dann wieder ſo genau, als erſt, zuſammen bog, 5Schien ihm weit glücklicher, als er in Koth und Höhlen.
Ich, rief er dieſer zu, muß mich im Schlamme quälen.
Bald ſtößt der Nachbar mich aus meiner Wohnung aus;
Bald ſchreckt mich Sturm und Netz. Du haſt dein eignes Haus;
Du kannſt es, wenn du willſt, itzt öffnen, nachmals ſchlieſſen; 10 O daß wir Krebſe nur ſo ärmlich wohnen müſſen. Muſchel, gönnſt du mir, mir Armſten, noch ein Glück: So laſſe meinen Leib nur einen Augenblick In deiner Wohnung ruhn, und mich, bey meinem Grämen, Auch einen kleinen Theil an deiner Ruhe nehmen. O, fieng die Muſchel an, gefällt dir meine Ruh, Schein ich dir glücklicher und ſichrer noch, als du:
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So wiſſe nur, mein Freund, ich diene mit Vergnügen;
Du kannſt dich in mein Haus,
ſo oft du denkſt, verfügen.
Ich mache Platz und Raum; genieße meiner Ruh.
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Der Krebs kreucht in das Haus; ſie ſchließt es feſte zu;
Der Krebs erſtickt ſogleich, und mitten im Erſticken
Muß er zu gleicher
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Zeit die Freundinn mit erdrücken.
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Oft macht ein dummer Dienſt ein doppelt Unglück voll, Stürzt den, der ihn erzeigt, den, dem er nützen ſoll.
Der junge Krebs und die Seemuſchel.
Der Muſchel, die am ſeichten Strande Ihr Haus bald von einander bog, Bald wieder feſt zuſammen zog, Sah einſt, mit Neid und Unverſtande, 5 Ein junger Krebs aus ſeiner Höhle zu. O Muſchel, wie beglückt biſt du! O! daß wir Krebſe nur ſo elend wohnen müſſen! Bald ſtößt der Nachbar mich aus meiner Wohnung aus, Und bald der Sturm. Du haſt dein eigen ſteinern Haus, 10 Kannſt, wenn du willſt, es öffnen und verſchlieſſen. Vergönne mir nur einen Augenblick, Ich weis, du gönnſt mir dieſes Glück, In deinem Schloſſe Platz zu nehmen.
Ich, ſprach ſie, ſollte mich zwar ſchämen, 15 In mein nicht aufgeputztes Haus, Denn in der That ſiehts itzt nicht reinlich aus, Vornehme Herren einzunehmen. Doch dienet es zu Ihrer Ruh, Auf knrze Zeit zu mir ſich zu verfügen: 20 So dien ich Ihnen mit Vergnügen; Wir haben Platz. Er kömmt. Sieſchließt ihr Schloß feſt zu. Mach auf, ſchreyt er, denn ich erſticke. Bald, ſpricht ſie, will ich dich befreyn; Sieh erſt der Mißgunſt Thorheit ein, 25 Und lerne hier, mit deinem Glücke, Wenn dirs gefällt, zufrieden ſeyn.


