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1 (1904)
Entstehung
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Zur Wachtel, welche der Gefahr, Dem Garne, kaum entgangen war, Ließ ſich der ſtolze Hänfling nieder: Mich, ſprach er, dauert dein Gefieder.

50O ſage, wie es immer ging, Daß du nicht flohſt, und man dich fing.

Mich lockte jene grüne Saat, Indem ich nun in Ruhe trat; So hört ich tiefer in dem Weizen 10 Ein ſüßes Tönen, ſüßes Reizen: Ich lief; kaum war ich bey dem Ton; So hatte mich das Netz auch ſchon.

Das Netz, ſprach dieſer, nicht zu ſehn? Dir, Flattergeiſt, iſt recht geſchehn. 15 Man muß, will man der Luſt genießen, Die Freyheit zu behaupten wiſſen. Und wenn ich aus mir ſelber wär, Ein Netz, das fängt mich nimmermehr.

2.

Die beſtrafte Anempfindlichkeit.

(I 183.) Der Hänfling flieht; die Wachtel weint;

20 Kurz drauf erblickt ſie ihren Freund

Verzagt, und nur mit halbem Leben, Auf einer Vogelruthe kleben:

Wie, rief ſie, kömmt es, lieber Gaſt, Daß du dich hier gefangen haſt?

Die Freundinn, ſprach er, ging mir nah, Die ich in dieſem Bauer ſah; Aus Freundſchaft, da ich nichts vermuthe, Setzt ſich mein Fuß auf dieſe Ruthe. Nun weis ich ÄArmſter auf der Welt Nicht, was mich hier gefangen hält.

3

O! ſpricht die Wachtel: ſchweige ſtill, Es halte, was dich immer will; Der Liebe reizendes Entzücken Kann uns auf tauſend Art berücken; 35 Und ſäh es wie die Freundſchaft aus, Die Liebe macht ein Garn daraus.

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Die Wachtel und der Hänfling.

Zur Wachtel, welche der Gefahr Des Garns mit Noth entgangen war, Ließ ſich der ſtolze Hänfling nieder. Mich dauert, ſprach er, dein Gefieder.

5 O! ſage, wie es immer kam, Daß man dir deine Freyheit nahm?

Mich, ſprach ſie, lockte jene Flur, Und ich, zu lüſtern von Natur, Flog hin; und tiefer im Getreide 10 Hört ich den Ton der Lieb und Freude. Ich lief! kaum naht ich mich dem Ton, So hatte mich das Netz auch ſchon.

Das Netz, ſprach dieſer, nicht zu ſehn? Dir Flattergeiſt iſt recht geſchehn. 15 Man muß, will man ein Glück genieſſen, Die Freyheit zu behaupten wiſſen. Und wenn ich noch ſo lüſtern wär, Ein Netz, das fängt mich nimmermehr!

Er fliegt und ruft noch: Merk es dir! 20 Kurz drauf ſieht ſie den Freund, der ihr Den weiſen Unterricht gegebeu, Auf einer Vogelruthe kleben. Sprich, rief ſie, wie es immer kam, Daß man dir deine Freyheit nahm?

Die Freundinn, ſprach er, gieng mir nah, Die ich in dieſem Bauer ſah. Sie rief, und durch das Glück bewogen, Um ſie zu ſeyn, kam ich geflogen. Nun weis ich nicht, durch welche Liſt 30 Mein Fuß hier angefeſfelt iſt!

Die Ruthe, ſprach ſie, nicht zu ſehn? Dir Flattergeiſt iſt recht geſchehn. Man muß, will man ein Glück genieſſen Die Freyheit zu behaupten wiſſen. 35 Nun lerne, wenn dichs nicht verdrießt, Wie nah der Fall dem Sichern iſt!