Vom runden Kinne bis zur Hand, Von weißen Hüften bis zur Stirne, 35 Entzückt ihn dieſe Waſſerdirne, An der er tauſend Anmuth fand. Nie wird ſie reizend gnug beſchrieben; Der beſte Riß bleibt ein Verſuch. Kurz: Sie zu ſehn, und nicht zu lieben, 40 War, wie man ſagt, ein Widerſpruch.
Der gute Schäfer ſteht zerſtreut, Vergißt ſich ſelbſt und ſeine Heerden, Und klagt mit ängſtlichen Gebehrden Der Schönen ſeine Zärtlichkeit.
5 Dich, rief das Kind, kann ich erhitzen? Ich ſoll an deiner Seite ruhn? Ja, Freund, du ſollſt mein Herz beſitzen! Erbitte mich nur vom Neptun!
Der Schäfer ruft zum Gott der See: 50 Ein Opfer von zwo feiſten Ziegen Soll dich, Neptun, ſo gleich vergnügen, Wofern ich nicht vergebens fleh. Dir, ſpricht Neptun, mein Kind zu geben? O ſpahre Seufzer, Wunſch und Harm! 55 Ich gäbe dir und deinem Leben Ein ewig Unglück in den Arm.
Der arme Thyrſis ſeufzt und weint, Und klagt, mit manchem bangen Schalle, Sein Leid dem nahen Wiederhalle, 60 Bis wiederum Neptun erſcheint. Gut, ſpricht Neptun, du gleichſt den Knaben, Dich blendet eine Scheingeſtalt. Gut, gut, du ſollſt dein Unglück haben; Denn du verlangſt es mit Gewalt.
65 Die Nacht befördert Thyrſis Ruh.
Neptunus giebt ihm die Sirene;
Der Schäfer trägt die naſſe Schöne
Entzückt nach ſeiner Hütte zu.
Er weis ſein Glück kaum gnug zu ſchätzen
70 Sein mattes Herz wird wieder friſch, Der Tag erſcheint. O welch Entſetzen! Sirene war halb Menſch, halb Fiſch.
O Fabel! meynſt du nicht die Welt, Die früher liebt und eher brennet, 75 Als ſie das Kind zur Hälſte kennet, Das Aug und Wahn für göttlich hält? Man liebt der Schönen Mund und Stirne, Bis der verborgne Fiſch uns ſchreckt, Ihr eitles Herz, ihr leer Gehirne 8o Die Fehler unſrer Wahl entdeckt.
Und wenn ich dich nicht flüchtig nur entzücke: So geh und bitte den Neptun.
35 Er bat. Nein, ſprach der Gott der Meere, Wenn ich die Bitte dir gewähre, Gewähr ich dir dein Unglück nur. Der Schäfer ſchleicht betrübt nach ſeiner Hütte; Nun lacht ihm weiter keine Flur.
40 So oft Neptun am Strande fuhr, So wiederholt er ſeine Bitte. „Neptun! So ſoll das Meer die trefllichſte Geſtalt, Die mich entzückt, in ſeinen Schoos begraben?“
Nein, rief der Gott, du ſollſt ſie haben; 45 Denn du verlangſt ſie mit Gewalt.
Wie hurtig ſchwamm nunmehr die Schöne Dem Ufer zu! Wie ſchön ſang ſie, wie zauberiſch! Er reicht ihr ſeine Hand.„Komm, göttliche Sirene!— Doch welch Entſetzen! Seine Schöne, 50 Sein Liebling, war halb Menſch, halb Fiſch. Mit Zittern floh Damöt vom Meere, Und gab nachher der Flur ſehr oft die Lehre, Daß unſer liebſter Wunſch oft große Thorheit wäre.


