Ein Schäfer aus der göldnen Zeit, Ein Thyrſis im Arkader Lande, Trieb öfters nach des Meeres Strande, In ruhiger Gelaſſenheit.
5 Sein treuer Hund war ſein Gehülfe,
Ein kirres Lamm war ſeine Luſt, Und, außer einem Rohr vom Schilfe, Ihm weiter kaum ein Glück bewußt.
Er kannte weder Liſt noch Feind,
10 Und ſchlief vergnügt auf ſeiner Matte;
Er wünſchte nichts, als was er hatte, Und war ſich ſelber Glück und Freund. Ihn rührten keine Schäferinnen: Gefiel ihm eine bey dem Spiel;
15 So konnte ſie nichts mehr gewinnen,.
Als daß ſie ihm einmal gefiel.
1. Der Schäfer und die Sirene.(B. I 82.)
Doch ſeiner Ruhe droht Gefahr! Das Meer zeigt ihm die beſte Schöne, Er wird die nackende Sirene
20 Mit nie gefühlter Luſt gewahr. Er ſteht, und will nicht ſtehen bleiben, Er ſieht, verliehrt den freyen Sinn, Will abwerts mit der Heerde treiben, Und treibt nur mehr ans Ufer hin.
25 Zwo blauer Augen Blick und Zug, Die ſchmachtend voller Wolluſt brannten, Sich nach dem Angriff zaghaft wandten, Als hätten ſie nicht Muth genug.
Halb ſtolze, halb verſchämte Minen,
30 In denen Ernſt, Gefahr und Luſt Einander zu begegnen ſchienen, Durchdrangen unſers Schäfers Bruſt.
Ein Schäfer aus der goldnen Zeit, In ſeinem ſtillen Hirtenſtande Ganz Ruhe, ganz Zufriedenbeit, Trieb öfters an des Meeres Strande, Und was er ſang, war Frölichkeit. Ihn rührten keine Schäferinnen. Gefiel ihm Daphne ja zuweilen bey dem Spiel: So konnte fie doch nichts gewinnen, Als daß ſie flüchtig ihm gefiel.
10 Ein ſeltner Fall, daß ohne Schöne
Ein junger Schäfer glücklich war!
Doch ſeinem Herzen droht Gefahr.
Welch eine reizende Sirene
Schwimmt dort! Kaum wird er ſie gewahr:
15 So fühlt ſein Herz Lieb und Gefahr.
Er ſteht und will nicht ſtehen bleiben, Erſtaunt, blickt auf die Sängerinn,
Will abwärts mit der Heerde treiben, Und treibt nur mehr ans Ufer hin.
20 Nun irrt allein, ihr guten Heerden! Der Schäfer hat für euch itzt keine Zeit. Er klagt durch Lieder und Geberden Der Schönen ſeine Zärtlichkeit; Verſpricht ihr alle ſeine Heerden 25 Und alles Glück der goldnen Zeit. Sie, wohl in ihrer Kunſt erfahren, Hört nichts von dem, was er verſpricht, Scherzt mit der See, putzt an den Haaren, Als ſähe ſie den Schäfer nicht, 30 Und nöthigt ihn durch ſchlaue Blicke, Den Antrag ihr noch oft zu thun. Ich, ſingt ſie, bin nicht mein. Neptun beſtimmt mein Glücke:


