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Nun sind allerdings, wie wir gesehen haben, die Fabeln in den Belustigungen grössten- teils nach Form und Inhalt von der Vollendung der späteren so weit entfernt, dass sie, wenn man nur ihren dichterischen Wert in Betracht zieht, kaum einen Neudruck verdienen würden. Bei der Bedeutung Gellerts und seiner Fabeln aber scheint mir ein solcher Neudruck ¹) auf literarhistorisches Interesse rechnen zu dürfen, zumal da der überaus lehrreiche Vergleich eines Teils derselben mit der späteren Fassung, die ich in kleinerem Druck(nach der Ausgabe von klee, 1839) beigebe, dadurch bequem ermöglicht wird und wir so ein Bild von der Entwick- lung des beliebtesten deutschen Fabeldichters erhalten.
Der zur Verfügung stehende Raum nötigt mich, den Neudruck— eine Ergänzung und Erweiterung meiner„Studien“— auf zwei Programme zu verteilen. Es folgen hier zu-
nächst die ersten zwölf Fabeln in genauem Abdruck. Nur habe ich die Angabe„Fabel“ oder „Erzäühlung“ unter der ÜUberschrift sowie die Unterschrift des Dichters fortgelassen und an einigen wenigen Stellen eine zweifellos fehlerhafte Interpunktion stillschweigend verbessert.
llerr Professor C. F. Gellert verfertiget, aber in denen unter seinem Nahmen herausgegebenen Poetischen Schriften nicht mit enthalten sind“(ohne Angabe des Orts und Verlags), worin der als Herausgeber nicht genannte vielgeschäftige J. Ch. Rasche 29 der in den Belustigungen veröffentlichten Fabeln abdruckte. In demselben Jahre folgte trotz der Einsprache Gellerts ein 2. Band, worin sich noch zwei dieser Fabeln be- finden. Einen Beweis für die Unverfrorenheit, mit der man damals mit dem geistigen Eigentum des Schrift- stellers umgehen durfte, liefert die Vorrede zu diesem 2. Teil, worin eine fingierte Dame sehr naiv schreibt: „Können Sie es wohl glauben, dass sich der Herr Professor Gellert über die besondere Sammlung seiner Fabeln und Erzählungen beschwert habe? öffentlich lim Hamburgischen Correspondenten] beklagt er sich in einer Nachricht an das Publicum über die gewaltthätige Ausgabe, die eine ungenannte Dame ver- anstaltet hat. Das hätte ich nicht gedacht, dass ein so liebenswürdiger Autor etc.“ Für die Sorgfalt, mit der diese buchhändlerische Spekulation gearbeitet war, sind charakteristisch die Worte des Herausgebers: „Wir behaupten nicht, dass alle Aufsätze aus Gellertscher Feder geflossen sind. Wir mischen sie aber ein, weil sie eine gute Aufnahme verdienen.“ Thatsächlich ist denn, abgesehen von Willkürlichkeiten der Ortho- graphie und Interpunktion sowie von ihrer Unvollständigkeit(es fehlen 3 Fabeln) die Ausgabe sehr flichtig gearbeitet. Zahlreiche Ungenauigkeiten und Versehen(der Fabel„Die Raupen“ ist sogar eine von Gellert nicht herrührende Moral angehängt) entstellen sie und machen sie für wissenschaftliche Zwecke ganz unbrauchbar..
1) Von den Fabeln der Belustigungen waren bisher nur in einigen neueren Ausgaben wenige Proben gegeben. So sind in der Hempelschen Ausgabe 9 Nummern abgedruckt.


