Druckschrift 
1 (1904)
Entstehung
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charakterisiert die Fabeln der Sammlungen im Unterschied von denen der Belustigungen. Jetzt wird uns nicht mehr erzählt, dass Jemand etwas sage, etwas tue, nein, wir hören ihn reden. Von der lästigen Herrschaft des Metrums und des Reims hat er sich befreit. Der Dichter hat alle unnützen Schilderungen und Beschreibungen, die Pleonasmen, die vielfach nur zur Füllung des Verses dienten, alle Zusätze, die nicht der Sache, sondern nur dem Reim ihr Dasein verdankten, beseitigt; an ihre Stelle sind diese unzähligen Einwürfe, Parenthesen, Fragen, Ausrufe getreten, die seinem Vortrag Natürlichkeit und Ungezwungenheit verleihen. Seiner idealisierten Umgangssprache macht Gellert die Form der jambischen Systeme in so gefälliger Weise untertänig, dass die in diesem Masse geschriebenen Fabeln uns anmuten wie die angenehme mündliche Erzählung eines witzigen Freundes.(Eigenbrodt, Hagedorn S. 125). Der Ausdruck im einzelnen ist conciser und prägnanter geworden, nichtssagende Wendungen naben charakteristischen Plat⸗ gemacht, die Pointe ist mehr herausgearbeitet. Alles, was den späteren Fabelstil Gellerts charakterisiert, vermissen wir noch in den Belustigungen oder er- blicken es nur in dürftigen Ansätzen, die die spätere Blüte kaum ahnen lassen.

Was endlich den Inhalt angeht, so überwiegt bei Gellert in den Belustigungen die Tierfabel. Von den dort veröffentlichten 34 Nummern sind 20 Tierfabeln(Nr. 28, 10, 12, 13, 14, 16, 17. 19, 20, 23, 25, 27, 28, 30), während unter den 143 Fabeln der drei Bücher sich nur 30 Tierfabeln befinden, wobei noch zu bemerken, dass die 8 im 3. Buch befindlichen sämtlich den Belustigungen entstammen. Und die Menschen-Fabeln oder schwankhaften Er- zählungen mit fabelartiger Tendenz sind ihm später am besten gelungen.Die moralisierende Neigung des damaligen Geschlechts hielt zu steter Beobachtung der Menschen an. Die Wochenschriften entwarfen mit Vorliebe Charakterbilder, und die Satire hatte eben durch Rabener scharfumrissene Zeichnungen typischer Verhältnisse und Menschen hergestellt. Alles drängte auf die Beobachtung und Darstellung menschlicher Charaktere und Handlungen hin. Gellert war der erste, der solche in künstlerischer Form vortührte.(Eigenbrodt, Hagedorn S. 126). In den ältern Erzählungen aber fehlt es Gellert noch an der sorgfältigen Lebens- beobachtung, die die späteren Dichtungen dieser Art so anziehend macht,¹) und während er hier so fein ironisch über die Schwächen und Torheiten der Menschen zu lächeln versteht, predigt er dort grösstenteils nur allzu pedantisch in gleichförmigem Tone Moral. Nur wenige Nummern bilden hiervon eine Ausnahme, so vor allem die treffliche Erzählung vom kranken Hunde(Nr. 7). Im Gegensatz zu den Belustigungen wird in den Sammlungen die Sprache der redenden P'ersonen individualisiert, ihrem Stand und Charakter entsprechend gefärbt. (Vgl. meineStudien S. 33 und S. 17 Anm.). Alles in allem sind es erstaunliche Fortschritte, die Gellert in wenigen Jahren vom ungelenken Anfängertum zur Höhe der Meisterschaft führen. Und wir verstehen die scharfe Kritik, die er später an seinen ersten Fabelversuchen übte. In dem AutfsatzBeurtheilungen einiger Fabeln aus den Belustigungen(1756) unterzog er drei derselben(Die Lerche, Der Schäfer und die Sirene, Der Sperling und die Taube) einer ein- gehenden, sehr strengen Besprechung, um die all seinen in jener Monatsschrift erschienenen Fabeln anhaftenden Mängel zu beleuchten und so zu begründen, weshalb er sie nicht habe zusammen drucken lassen. ²)

1) Vgl. die Programmabhandlung von Georg EllingerGellerts Fabeln und Erzählungen. Berlin (Gärtners Verlagsbuchhandlung) 1895.

2) Er konnte jedoch nicht hindern, dass sie von unberufener Hand herausgegeben wurden. Im Jahre 1756 erschien eineBesondere Sammlung verschiedener Fabeln und Erzählungen, die zwar der