Druckschrift 
1 (1904)
Entstehung
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Im Jahre 1746 Gellert war 31 Jahre alt erschien, gleichzeitig mit derSchwe- dischen Gräfin, die heute selten gewordene¹) erste SammlungFabeln und Erzählungen von C. F. Gellert. Leipeig, Ben Johann Wendlern, 1746. Das Titelblatt schmückt ein zierlicher Kupferstich: die völlig unbekleidete Wahrheit empfängt ein Gewand aus der Hand der Dicht- kunst, eine Allegorie, die auf den lehrhaften Zweck des Buches hinweist:dem, der nicht viel Verstand besitzt, die Wahrheit durch ein Bild zu sagen. Vorausgeschickt hat Gellert der Sammlung eine Einleitung:Nachricht und Exempel von alten deutschen Fabeln, eine für jene Zeit recht dankenswerte, durch gut gewählte Beispiele erläuterte Übersicht über die deutschen Fabelbücher von Boners Edelstein bis auf Justus Gottfried Rabeners(†⁵ 1699), des Rektors der Fürstenschule zu Meissen und Grossvaters des bekannten Satirikers,Nützliche Lehrgedichte.Vielen, meint Gellert mit spöttischem Seitenblick auf gelehrte Pedanten, Würde es vielleicht lieber gewesen seyn, wenn ich einige poetische Überbleibsel von einer uralten griechischen oder lateinischen Fabel hätte auftreiben und sie mit einem historisch- philologisch-eritischen Commentariolo von sechs oder zwölf Bogen versehen können. Zum Exempel, wenn ich die Gränzen der Gelehrsamkeit mit einigen wieder hergestellten Versen aus einer Fabel des Ennius hätte erweitern können, die, wie Gellius berichtet, von der Häudel- lerche(cassita) handelte und in versibus quadratis geschrieben war. In diesem literar- historischen Überblick äussert er sich beiläufig auch über den Wert der Fabeldichtung: Etliche Blätter voller äsopischen Witzes, den ein kurzer und muntrer Vortrag belebet, stiften bey der Jugend und bey tausend Erwachsenen vielleicht mehr Nutzen, als grosse Werke, worinnen man die Moral gründlich ausdehnet, mit einer tiefsinnigen Miene seicht, und mit einem systematischen Geschreye trocken abhandelt. An der Spitze der 54 Nummern umfassenden Sammlung steht die FabelDie Nachtigall und die Lerche mit der den Dichtern gewidmeten Nutzanwendung:Singt nicht, so lang ihr singen wollt. Natur und Geist, die euch beseelen, Sind euch nur wenig Jahre hold. Den Schluss macht die FabelDer Maler, die der Dichter bei jener denkwürdigen Unterredung im Dezember 1760 dem grossen Preussenkönig vortragen durfte und wofür er das einzige, reichbemessene Lob erntete, das einem deutschen Poeten aus dem Munde Friedrichs zu teil geworden ist.

Der Erfolg der Fabeln, von denen schon 1748 eine zweite Sammlung hinausging, war, wie bekannt, beispiellos. In allen Schichten und Kreisen des deutschen Volkes, vom Fürsten bis zum Bauern herab, in zahlreichen Auflagen verbreitet, wurden die Fabelndas einzige wirklich allgemein gelesene poetische Buch des ganzen Jahrhunderts, ein Volksbuch, das fortan neben Bibel und Postille stand.

Die Fabeln von 1746 waren indes nicht die ersten Fabeln, die Gellert veröffentlichte. Seine ersten Versuche auf diesem Gebiet erschienen in denBelustiqungen des Verstandes und des Witzes, einer Monatsschrift, die vomHeumonat 1741 bis zumBrachmonat 1745 von Johann Joachim Schwabe(171484), einem Schüler Gottscheds, herausgegeben, bei Breitkopf in Leipzig erschien. Der Zweck dieser Monatsschrift war, einen Sammelplatz für die kleineren Gattungen der Literatur und in ihnen eine Sammlung von Mustern in Poesie und Prosa zu schaffen.Alle Gattungen von Schriften, heisst es in der Vorrede zum 1. Band,die ins Reich der Dichtkunst und Beredsamkeit können gezogen werden, als Fabeln, Dichtungen, 1) Ein Neudruck war für dieDeutschen Literatur-Denkmale in Aussicht genommen, ist aber vor- läufig von dem Plan der Sammlung wieder abgesetzt worden.