Gellerts älteste Fabeln.
Aus den„Belustigungen des Verstandes und des Witzes“ gesammelt und herausgegeben von
Dr. Hugo Handwerck.
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Gellert hat sich auf verschiedenen Gebieten der Dichtkunst betätigt. Während aber seine matten Lustspiele und sein wunderlicher Roman„Die schwedische Gräfin“ heute ver-— gessen sind, leben noch diejenigen seiner Werke fort, die einst seinen Ruhm und seine ausser- ordentliche Popularität begründeten. Das sind einmal seine„Geistlichen Oden und Lieder“, von denen nicht nur ein beträchtlicher Teil in unsere Kirchen-Gesangbücher übergegangen ist, sondern auch manche, wie„Wenn ich. o Schöpfer, deine Macht,“„Wie gross ist des Allmächtgen Güte“, stets zu den besten protestantischen Kirchenliedern gehören werden und einige, von Beethovens machtvollen Tönen getragen, wie„Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre,“ in ihrer gewaltigen Wirkung nie versagen. Sodann seine„Fabeln und Erzählungen,“ deren graziöses, schalkhaftes Geplauder auch jetzt noch zahlreiche ¹) dankbare Leser findet und in manchen Stücken, wie im„Process,“ wirklich unvergänglich ist. Eine lehrreiche Parallele zu diesem dauernden Erfolg bietet das Schicksal des Buches, das, in seinen Anfängen fast gleichzeitig mit Gellerts Fabeln erschienen, wie diese zu den Lieblingsbüchern des deut- schen Volkes im 18. Jahrhundert gehörte: Klopstocks Messias; einst mit schwärmerischem Entzücken aufgenommen, als unveraltbar gepriesen, wird er heute von niemand mehr gelesen und erweckt, wie Erich Schmidt treffend sagt,„der Gegenwart unleugbar ein Gefühl frommen Schauders.“ Unsterblichkeit war ihm verliehen, nicht aber das Geschenk ewiger Jugend, von der ein Schimmer wenigstens auf Gellerts beste Werke zu fallen scheint. Jedenfalls dürfen wir sagen: Von allen Dichtungen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts haftet keiner so wenig Moderduft an, hat keine sich solche Frische bewahrt wie Gellerts Fabeln.
1) Einen charakteristischen Beleg dafür, dass, wie Hettner mit Recht behauptet, seine Fabeln auch heute noch ihre unzerstörbare Anziehungskraft bewahren, verdanke ich Herrn Ph. Reclam in Leipzig, dem Herausgeber der„Universal-Bibliothek.“ Wie er mir freundlichst mitteilt, sind von der in dieser weit ver- breiteten Sammlung erschienenen Ausgabe der Gellertschen Fabeln seit 1869, also in 35 Jahren, ca. 50 000 Exemplare abgesetzt worden— eine vergleichsweise hohe Zahl—, und zwar ist der Absatz durchweg fast ganz gleichmässig gewesen. Zu berücksichtigen ist dabei, dass Gellerts Fabeln in den anderen billigen Volks- ausgaben ebenfalls erschienen sind und ausserdem in einer Reihe von teureren Ausgaben immer wieder auf- gelegt werden, die vermutlich doch auch einen befriedigenden Absatz finden.


