Druckschrift 
2 (1874)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

25

Es muste in diesem Conflicte der höchsten einander aciderstreitenden Interessen die Logil der Thatsachen ihr Recht geltend machen, da das Sustem allein nicht zum Ziele führte.

Gregor gab mit der Lossprechung vom Banne dem Könige gewissermaszen die Promissio Canusina in die Hand und sagte: Mit diesem Document biete ich dir den Frieden. Und Heinrich nahm dasselbe und erklärte stillschweigend: Mit diesem Document trete ich der Logik der Thatsachen gegenüber, und von ihnen hängt die Erfüllung des Vertrages ab.

Somit war derselbe ein noch in dem lebendigen Gange der geschichtlichen Ereignisse be- gründetes Problem, über welches nicht einseitig eine eng begrenzte Reichsversammlung unter des Pabstes Präsidium, sondern die gesammten EPreignisse, soweit sie hier dem Gange der Geschichte angehörten, das letzte Urteil sprechen konnten. Heinrich war nicht gesonnen zu denken: Ich habe den Vertrag acceptiert, und ich werde ihn unter allen Umständen durch- führen, möge auch das Reich darüber zu Grunde gehn, sondern er dachte: Ich nehme ihn an und mache ihn vom Gang der Ereignisse abhängig, die nun folgen werden. Diese führen nicht selten eine Situation herbei, durch welche der Vertrag selbst ohne Verschuldeu des Betreffenden hinfällig wird, und eine solche Situation trat für Heinrich IV. schon bald nach den Tagen von Canossa ein. Sie wurde durch das eigentümliche Auftreten der deutschen Vasallen herbei- geführt, welche die neue Doctrin aufstellten, dasz der König zwar zu Canossa vom Banne befreit sei, aber damit noch nicht das Reich zurück erhalten habe, eine Auffaszung der Dinge, an die selbst Gregor damals nicht dachte und wodurch Heinrich von neuem in seinem guten Rechte auf das tiefste gekränkt und sehr empfindlich verletzt wurde.

Demgemäsz glaube ich als kurzgefasztes Resultat der Darstellung aussprechen zu dürfen, daseæ Heinrich IEV. in den Lagen zu Canossa sowol seiner königlichen Aufgabe als auch den thatsächlichen Ferhältnissen gemäsz wollkommen correct gehandelt hat und dasæ der lange Zeit und fast allgemein ausgesprochene Forwwurf, als habe er durch seine Busze 2zu Canossa seiner königlichen Märde etwas vergeben oder seiner Machtstellung etwas geopfert, ein un- berechtigter gewesen ist.

Als nach den Tagen von Canossa der Pabst eine Zeit lang zwischen Heinrich und dem von den deutschen Vasallen zum König gewählten Rudolf von Schwaben geschwankt hatte, ergriff er später wieder offen Partei für letzteren und acceptierte allmählich, und ausgesprochener Maszen 1080, die von den Vasallen aufgestellte falsche Doctrin. Da blieb denn für Heinrich nichts anderes übrig, als mit dem Schwerte sein gutes Recht zu erkämpfen; und nachdem er sich mit der vollen und ungeteilten Kraft seiner jugendlichen Energie in diesen Kampf gestürzt hatte, fehlte es ihm, wenigstens für eine kurze Zeit, auch nicht an dem Triumphe der gerechten Sache. Denn nach Niederwerfung seiner Gegner in Deutschland und Italien empfieng er zugleich mit seiner edlen Gemahlin Bertha im Jahre 1084 in der Laterankirche zu Rom aus den Händen seines Pabstes Clemens und so zu sagen unter den Augen des in der Engels- burg eingeschloszenen Pabstes Gregor die Kaiserkrone und stand hier einen Moment auf dem Gipfel des Sieges und der Macht.

Die Poesie, welche glückliche Momente in dem thatenreichen und oft noch leidenreicheren Leben der Menschen fixiert und sie nach ihren Gesetzen zu verklärten Bildern erhebt, deren Beleuchtungskreisz oft weiter reicht, als die Grenzen der Wirklichkeit gestatten, hat auch in diesem glücklichen Momente in dem Leben Heinrichs IV. eine Veranlaszung zum Lobe des

4