Druckschrift 
2 (1874)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

23

Nurde. War diese Politik ehrlich? Hiesz das aufrichtig einen eingegangenen Vertrag erfüllen? Dadurch wurde von der Gegenpartei der Vertrag gebrochen. Verfuhr der König nun weiter correct, wenn er trotz der abschläglichen Antwort des Pabstes dennoch die Busze in Italien zu vollbringen beschlosz? Jedenfalls; denn wenn er nach dem Bruch des Vertrags von Seiten der Gegner auch seinerseits nicht mehr verpflichtet war ihn zu halten, so hätte er doch dabei nichts gewonnen; er hätte seine Sache nur verschlimmert, und das war es, was die Gegner hofften. Er wollte den Vertrag halten und sollte ihn nicht halten; dazu besetzten die Vasallen die Pässe nach Italien und der Pabst wollte ihn in Italien nicht empfangen.

Wir kommen nun zu den Vorgängen von Canossa.

Als Heinrich in Oberitalien ankam, erhoben sich die Lombarden für ihn, um seine An- sprüche mit Waffengewalt zu erkämpfen. Verlockend für Heinrich und doch grift er nicht zu, und doch zog er nicht an ihrer Spitze gegen den Pabst! Dies beweist, wie tief die Ueber- zeugung im Könige wurzelte, dasz der einmal eingeschlagene Weg ganz correct sei, dasz er ihn consequent verfolgen und das ihn umgebende Lügengewebe seiner Gegner durch eine sittliche That niederringen müsze. Hatte es sich bereits deutlich gezeigt, dasz die deutsche Partei nicht aufrichtig gegen Heinrich verfuhr, so sollte es sich nun zu Canossa zeigen, dasz der Pabst nicht kirchlich religiöse, sondern politische Zwecke verfolgte. Und darin liegt zum groszen Teil die Bedeutung der Tage von Canossa, dasz sich der Gang der Weltgeschichte gewissermaszen herumgedreht hatte:

Der Pabst, der Hüter kirchlich religiöser Interessen, gab seine Bedeutung als solcher auf, wurde zum Politiker und kam dadurch mit sich selber, d. h. mit seiner eigentlichen Bestimmung in Conflict; und der König, das Haupt weltlicher Interessen und der höchste Repräsentant der Politik, muste, um den Pabst aus seiner eingenommenen falschen Position zu Canossa zu verdrängen, gleichsam zu einem Ideal religiöser Demut werden, um daf diese Meise vor den Augen der Welt die falsche Idee, die der Pabst vertrat, durch die wahre Idee, die er eigentlich vertreten sollte, siegreich 2zu berämpfen.

Ein solcher Kampf konnte nicht mit äuszeren Waftfen allein durchgefochten werden. Gerade die Tage zu Canossa sollten den Beweis liefern, dasz es in der Weltgeschichte noch Kämpfe anderer Art gibt, als die, welche mit dem Schwerte ausgefochten werden, Kämpfe des Geistes, in denen es sich um die höchsten Interessen der Sittlichkeit, der Freiheit, des Glaubens und der Wahrheit handelt. Der König war vom Pabste gebannt worden; er sollte, wie ich bereits erwähnt habe, sich vom Banne lösen, er 2ollte sich vom Banne lösen, und doch wollte es der Pabst nicht thun, obwol sich der König allen zuläszigen Bedingungen unterwarf, blosz weil er ein königliches Recht dem Pabste nicht zu Füszen legen wollte. Unter solchen Umständen hiesz des Königs Auftreten nichts anderes als: Du hast mich gebannt; hier erfülle ich alle Pflichten, welche die Absolution verlangt, folglich must du mich absolvieren. Lange genug widerstand der Pabst, endlich in letzter Stunde, als Heinrich alles gethan, was man vernünftiger Weise von ihm verlangen konnte, als er Canossa wieder verlaszen wollte und der Welt nun sagen konnte: Seht, das habe ich als König gethan, um mir Absolution vom Bann zu holen, und der Pabst hat sie mir dennoch verweigert; entscheidet ihr, was ist unter solchen Um- ständen auf einen Bann zu geben, was ist, wenn darin die Liebe des Christentums besteht, vom Pabste zu halten?: da endlich, als der Pabst bereits überwunden war, da gab er wider-