20
dadurch gewinnt seine Darstellung den Charakter gröszerer Glaubwürdigkeit. Doch auffallend bleibt seine Angabe, dasz Heinrich die Hostie zurückgewiesen hätte, weil er derselben nicht würdig sei. Man fragt sich: Was hatte Heinrich für einen Grund, dieselbe zurückzuweisen, oder warum glaubte er derselben unwürdig zu sein, da er ja soeben Busze wegen seiner Vergehen und Sünden gethan hatte? Auch sollte ich denken, wäre der Genusz des Abendmahls von richtiger Absolution unzertrennlich. Vielleicht fühlte Heinrich, wenn Bertholds Darstellung in diesem Punkte richtig ist, dasz er nach der gewaltigen körperlichen und geistigen Anstrengung und Aufregung der letzten Tage für den Augenblick nicht gehörig vorbereitet war, um das h. Abendmahl zu empfangen*). Doch sollte dies der Sinn der Zurückweisung der Hostie durch den König sein, so wäre es gut gewesen, wenn die Angabe bei Berthold in diesem Sinne etwas mehr motiviert gewesen wäre.
Die Darstellung Bonizos hat etwas Natürliches und der Lage Entsprechendes. Heinrich hatte Gregor abgesetzt. Es muste nun Gregor daran gelegen sein, von Heinrich das Bekenntnis zu hören, dasz er ihn auch für den wahren Pabst halte. Es lag ferner eine Genugthuung für Gregor darin, von Heinrich zu hören, dasz er mit Recht gebannt sei. Nur sind die Worte Bonizos: Sin vero aliter, ut inde post buccellam intraret in illum satanas ein derbes und un- gehöriges Anhängsel leidenschaftlichen Parteistandpunktes und sind von Gregor gewis nicht in dieser Weise zu Heinrich gesprochen worden ²).
Fasze ich die verschiedenen Ansichten über die Abendmahlsscene zusammen, so scheint mir nichts natürlicher zu sein, als dasz nach der Wiederaufnahme des Königs in die Kirche beide, Pabst und König, gemeinschaftlich das h. Abendmahl mit einander genoszen und zwar ohne alle Beimischung vom Character eines Gottesurteils.
Dann, als die Messe gefeiert war, begaben sich Pabst und König mit den übrigen Anwesenden zu gemeinsamer Tafel; und als diese vorüber war, verliesz Heinrich nach einer kurzen Unter- redung mit dem Pabste das Schlosz von Canossa, um nun, nachdem er vom Banne befreit und in die Gemeinschaft der Kirche wieder aufgenommen war, zunächst im Kreisze der Lombarden mitten zwischen dem Pabst und den deutschen Vasallen eine beobachtende Stellung einzu- nehmen und sodann von hier aus Deutschland, das er als Pilger von Canossa verlaszen hatte, als König in wildem Schlachtenlärm wieder zu erobern.—
1) Vergleiche Ussermann in den Noten zu Berthold bei bertz.— 2) Bonithonis lib. ad amic. ed. Jaflé p. 96.


