Druckschrift 
2 (1874)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

In dem zweiten Briefe: Ego qualiscumque sacerdos, an die Deutschen gerichtet, ver- sichert Gregor, dasz er sich gegen den Willen der Römer auf den Weg nach Deutschland begebe und dasz er bereit sei, zur Ehre Gottes sogar sein Leben einzusetzen. Er bittet sie dafür e2u sorgen, dasz er mit Gottes Beistand zu ihnen kommen und ihnen nützen könne, und schlieszt mit den Worten, die nach Cencius¹) der Bischof von Ostia bei der Weihe Gregors sagte. Was also Berthold ²) mit den Worten pro ducatu, pro ceteris necessariis, pro pace be- zeichnet, das findet sich auch in diesen Briefen wieder.

Was Gregor im ersten Briefe mit colluctationes cum nuntiis regis andeutet, bezieht sich auszer anderem jedenfalls auch auf die Ankunft Hugos von Cluny in Rom. Dieser hatte die wichtige Sendung nach Tribur übernommen und war dort mit dem gebannten König in per- sönlichen Verkehr getreten; nunmehr war er teils aus eignem Antrieb, um sich deshalb beim Pabste Absolution zu holen, teils im Auftrag des Königs nach Rom gegangen, um den Pabst zu bitten, dasz Heinrich in Italien die Busze vornehmen dürfe*). Doch auch dieser richtete in der gedachten Sache bei Gregor nichts aus, und es scheiterten somit alle Versuche Heinrichs, vom Pabste die Zustimmung zur Busze in Italien zu erhalten. Und doch muste dieselbe in Italien abgemacht oder, was dasselbe ist, der Pabst von Deutschland fern gehalten werden, wenn nicht ein wichtiges Kronrecht preis gegeben werden sollte. Darum blieb Heinrich nichts anderes übrig als das zu erzwingen, was ihm Gregor gutwillig nicht zugestehen wollte. Ein bindendes Versprechen von Seiten des Königs, die Absolution nicht in Italien vornehmen zu wollen, ist nirgends zu finden. Somit entschlosz sich der König, mitten im Winter unter un- säglichen Schwierigkeiten und nur von wenigen Getreuen, desgleichen von seiner Gemahlin und seinem Kind, begleitet, den Weg über die Alpen zu suchen, um der Reise des Pabstes nach Deutschland zuvor zu kommen. Die gewöhnlichen Straszen nach Italien waren von den süd- deutschen Herzogen besetzt, um dem König Mittel und Wege zur Busze in Italien abzu- schneiden. So wenig Heinrich durch seine Reise nach diesem Lande den deutschen Vasallen einen Gefallen that, eben so wenig that er ihn damit auch dem Pabste. Dies spricht sich in den Vorwürfen desselben aus, die er im Briefe: Sicut in prioribus literis) den deutschen Fürsten macht. Er habe unter Beschwerden und Gefahren die Reise nach Oberitalien angetreten und würde zu rechter Zeit haben zu ihnen kommen können, wenn sie zu rechter Zeit das Geleite gesandt hätten s). Doch da dies nicht erschienen, statt dessen der König unerwartet in Ober- italien angekommen wäre, so sei die Lossprechung vom Banne zu Canossa die Folge davon gewesen.

Ueber die Reise des Königs über die Alpen nach Italien, uber den Aufenthalt des Königs unter den Lombarden gehe ich hinweg und wende mich nun gleich nach Canossa. Hierher hatte sich der Pabst geflüchtet⁴), als er Heinrichs Ankunft erfuhr. Er glaubte anfangs, der König nahe in feindlicher Absicht.

Die Verhandlungen in und um Canossa sind von den Quellenschriftstellern teils kürzer, teils ausführlicher behandelt worden. Eine kurze Uebersicht der hierhin gehörigen Quellen- angaben scheint mir unerläszlich zu sein.

1) Watterich Vit roman. pontif. I. p. 16. 2) Berth. p. 287. 3) Berthold p. 289: Qui(Hugo von Clany) et ipse cum papa nuper ob regis communicationem Romae reconciliatus advenerat. 4) Epist. coll. Nr. 20. Jaffé II. p. 545. 5) Ibid. Et pervenisse quidem potuissemus, si ducatum eo tempore, eo loco, quo

constitutum crat, ex vestra parte habuissemus. 6) Lambert p 257.