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2 (1874)
Entstehung
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Gregor schon damals verdacht, dasz er den König gebannt habe, und man warf die Frage auf. ob denn der Pabst überhaupt ein Recht dazu habe. Gegenüber solchen Fragen rechtfertigte sich Gregor in seinem Briefe an Hermann von Metz vom 25. August 1076*) und weist hier unter anderem nicht mit Unrecht auf das Verfahren des Ambrosius dem Kaiser Theodosius gegenüber hin ²). Gregor hofft zwar, dasz Heinrich noch gewonnen und wieder absolvirt werden könne, Lehält sich jedoch ausschlieszlich das Rocht der Absolution des Königs vor). Uebrigens geht aus verschiedenen Schriften jener Periode, namentlich aus dem Gratias agimus, sowie aus dem Briefe vom 31. October 1076) hervor, dasz Gregor auch nach dem Bannspruch Heinrich noch fortwährend als König betrachtet und ihn mit dem Titel rex bezeichnet, was doch eigentlich für Gregors Standpunkt einen gewissen Widerspruch enthält. Es geht daraus hervor, dasz Gregor selbst den ganzen Zustand als ein Provisorium ansah, das noch definitiver Regelung bedurfte. Ein solches Provisorium schlieszt den Gedanken einer Wiederaussöhnung nicht aus, und ein solcher spricht sich auch im Schlusze des Audivimus quosdam aus, wo es heiszt: Convertat(Deus) cor regis ad poenitentiam, ut et ipse aliquando cognoscat, nos et vos multo verius amare eum, quam qui nunc suis iniquitatibus obsequuntur et favent. Etc.

2) Heinrich hatte sich, von seinem Siege über die Sachsen berauscht, zu dem Schritt ver- leiten laszen, Gregor zu Worms abzusetzen. Sein Brief an die Römer beweist, dasz er von der sicheren Erwartung ausgieng, diese würden sich für ihn erheben und Gregor zur Abdan- kung zwingen. Allein er irrte sich nicht nur darin, sondern überhaupt in der Auffaszung, die er von der Lage der Dinge hatte. Man wirft ihm nicht mit Unrecht vor, dasz er im Unglück anfangs zu zaghaft, im Glück zu vertrauensvoll war. Dies rächte sich an ihm. Er muste mit Schrecken erkennen, dasz sich auf die Treue der Vasallen nicht zu verlaszen war. Wie er sich in der Treue vieler Bischöfe irrte, so namentlich auch in der Rudolfs, Welfs, Bertholds und Ottos von Nordheim. Der Boden unter seinen Füszen fieng an zu wanken; einer nach dem andern von denen, die anfangs zu Worms auf seiner Seite standen, fieng an seinen Rückzug anzutreten, und allmählich konnte Heinrich sehen, dasz er ziemlich isoliert dastand, die wenigen Getreuen abgerechnet, die unerschütterlich bis ans Ende bei ihm ausharrten. Doch gerade in dieser erschütternden Erkenntnis fand der junge König die Mittel sich wieder aufzurichten und zwar durch sich selbst. Es zeugt von einer ungewöhnlichen Kraft seines Geistes, dasz er unter der Wucht des Unglücks nicht ganz verzagte, sondern beschlosz, dasselbe sich zur Lehre dienen zu laszen, und dasz er gerade in dieser Zeit seinem königlichen Berufe nicht untreu wurde. Hatte ihn etwa der um Pfingsten zu Worms beabsichtigte Reichstag, zu dem die meisten Fürsten nicht erschienen, noch nicht vollständig von seiner Lage überzeugt, so muste dieses die für den 29. Juni 1076 auberaumte Reichsversammlung in Mainz und was mit ihr in Ver- bindung steht, in unzweideutiger Weise thun. Der Abfall von ihm wurde allgemein, und bereits am 16. October war es zu Tribur so weit gekommen, dasz die Herzoge sich in der bestimmten Absicht dahin begeben hatten, einen anderen König zu wählen.

1) Regist. Gregor. IV, 2; Jaſfé II, p. 241 etc. 2) lbid. p. 242: nec praete mittant, quod beatus Am- brosius etc. 3) Ihid p. 243 und 244: ut nullus eum praesumat absolvere etc., ch epistol. coll. Nr. 15 vom

29. Aug. 1076, Jaffé II, p. 540: ut nullus eum praesumat a vinculo anathematis absolvere etc. 4) Registr. IV, 7; ed Jaffé II, p. 251 und 252.