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[2.] (1896) I. Die Kämpfe an der Mündener Strasse im Jahre 1758 (Schluss). II. Die Ereignisse der Jahre 1759 und 1760
Entstehung
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Kriegerische Ereignisse in der Umgebung von Cassel.

J.

Die Kämpfe an der Mündener Strasse im Jahre 1758.

(Schluss.)

Von

Oberlehrer Dr. Johannes Pohler.

F. Das Treffen bei Lutternberg am 10. Oktober 1758.

Als General v. Oberg am 9. Oktober nach- mittags 2 Uhr seine Stellung auf dem süd- lichen Abhange des Sandershäuser Berges ein- nahm, hatte er die Absicht, dem Feinde auf diesem Gefechtsfelde vom 23. Juli ein Treffen zu liefern. Obwohl seine leichten Truppen ihm schon am 8. Oktober die sichere Nachricht ge- bracht hatten, dass Chevert nicht weniger als 23000 Mann heranführe, glaubte er nicht daran. Er konnte sich nicht denken, dass das Hilfs- korps mehr als 10000 Mann zählte, und ver- achtete den Gegner trotz dieser Verstärkung noch so sehr, dass er verbot, Batterien anzulegen. Bestärkt wurde er darin durch das zögernde, fast zaghafte Verhalten Soubise's an diesem Tage. Seine Truppen waren beseelt von Kampflust und erfüllt von dem Bewusstsein der UÜber- legenheit über den Feind:»nie würde der Herzog v. Broglie da gesiegt haben, hätte der Prinz v. Isenburg anstatt zweier Bataillone wirklich 5 gehabt«; denn die 3 Miliz-Bataillone zählte nie- mand mit. Die Kühnheit Obergs, dem über- legenen Feinde die Schlacht anzubieten, erhöhte noch das Selbstvertrauen der Soldaten.

Aber im Laufe des Tages änderten sich die Ansichten des Führers und die Stimmung des Heeres. Oberg und seine Generale er- kannten allmählich zu ihrem Erstaunen die so be- trächtliche Uberlegenheit des feindlichen Heeres; der Vergleich der langen Linien desselben mit

der eigenen bescheidenen Streitmacht zeigte deutlich, welche Menge von Kräften dem Feinde zu einer Umgehung übrig blieb; bald be- herrschte die Furcht vor einer solchen alle Ge- müter, und man begann ernstlich für Münden und die eigene Rückzugsstrasse zu fürchten. Auch die niederen Offiziere und die Mann- schaften wurden durch den Anblick der feind- lichen Ubermacht in ihrer Siegeszuversicht er- schüttert. Dazu kam die Ungunst des Wetters. Es war ein kalter Tag, ein furchtbarer Südwest- sturm blies den Truppen gerade ins Gesicht; er stellte nicht nur ihre Ausdauer auf eine harte Probe, sondern hätte auch im Falle eines feind- lichen Angriffs verhängnisvoll werden können.

Die Befürchtungen Obergs wegen einer Umgehung waren nicht unbegründet. Soubise, dem Chevert ja nur auf wenige Tage über- lassen worden war, musste schlagen, um die Gunst der Umstände auszunützen. Dass er am 9. nicht mehr zum Aungriffe schritt, mochte wohl darin seinen Grund haben, dass er erst sein gesamtes Heer versammelt haben wollte; der Herzog v. Fitz-James überschritt ja erst am Abend dieses Tages die Fulda und lagerte bei Waldau. Doch schon wurden von den französischen Führern Beratungen ge- pflogen über den zu unternehmenden Angriff. Der Oberst der Légion Royale, de Chabot, riet, den Gegner durch Scheinangriffe in der Front hinzuhalten, während er mit seinem und dem Fischerschen Freikorps über Witzenhausen auf Münden gehen und die dortige Brücke ver- brennen wollte; dann wären die Verbündeten in eine geradezu verzweifelte Lage gekommen