Von dem Heranzuge Cheverts wurde Oberg durch die Landeseinwohner rasch in Kenntnis gesetzt. Diese Nachricht enthüllte ihm die ganze Gefahr seiner Lage. Blieb er bei Ober-Vellmar stehen, so wurde er von Chevert im Rücken und in der rechten Flanke, von Soubise in der Front angegriffen, und er wäre dann einer vernichtenden Niederlage nicht entgangen. Wohl hätte er rasch aufbrechen und das heran- rückende Hilfscorps unversehens anfallen können. Würde aber Soubise das ruhig geschehen lassen? Folgte Oberg dem Abaziehenden, so geriet er wiederum zwischen zwei Feuer; wenn nicht, so war es immerhin noch sehr fraglich, ob es ihm gelingen würde, den gesuchten Feind in dem für Truppenbewegungen ausserordent- lich schwierigen Gelände an der oberen Diemel und im Waldeck'schen, das ihm selbst fast gänzlich unbekannt war, zum Kampfe zu zwingen. Er entschloss sich daher, seine Stellung zu ver- ändern. Am 3. Oktober früh ο Uhr liess er Generalmarsch schlagen und das Lager ab-— brechen; um 10 Uhr marschierte er nach links hin ab. Die Franzosen liessen den Marsch zuerst nur durch Reitertrupps beobachten. Doch als der Vortrab Obergs auf dem Häuschenberge bei Rothwesten anlangte, erschien auf der Höhe zwischen Ihringshausen und Nieder-Vellmar der Marquis de Castries mit 14 Schwadronen, Freiwillige besetzten das letztere Dorf; Baron Closen mit Grenadieren und dem Fischer'schen Corps, unterstützt von 2 Bataillonen Royal- Allemand, ging über Harleshausen bis Ober- Vellmar vor. Diese Abteilungen waren zusammen 5200 Mann stark, sie konnten also den Marsch
der Verbündeten wohl beunruhigen, aber nicht
ernstlich gefährden. Als die Feinde, die zuerst nur aus beträchtlicher Ferne folgten, etwas näher herankamen und die Nachhut, wenn auch wir- kungslos, mit Kanonen beschossen, glaubte Oberg, sie wollten ihn auf dem Marsche angreifen; er liess deshalb Halt machen und aus den Marsch- kolonnen rechts aufmarschieren: wie auf dem Exerzierplatze wurde diese Bewegung ausgeführt,
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in nur sieben Minuten war die Schlachtordnung in zwei Treffen auf den Hôhen zwischen Winter- büren und Hohenkirchen hergestellt und das schwere Geschütz aufgefahren. Den französischen Reitern warf er bei Simmershausen einige Schwa- dronen entgegen, welche dieselben ohne Mühe im Schach hielten; bei Ober-Vellmar behauptete sich eine Abteilung hannôverscher Jäger im Feuergefecht gegen das Fischer'sche Corps bis zum Abend. Die Verluste in diesen Schar-— mützeln waren auf beiden Seiten nur unbe- deutend.
Die Stellung auf den genannten Höhen, ziemlich parallel dem Kratzenberge, war in der Front durch den Thaleinschnitt der Espe ge- deckt und zur Verteidigung gegen einen Angriff Soubise's sehr günstig. Allein auch sie konnte durch Chevert, dessen Eintreffen in wenigen Tagen zu erwarten war, auf dem rechten Flügel umgangen werden. Ausserdem stand zu be- fürchten, dass der so bedeutend verstärkte Gegner, unter Zurücklassung einer ausreichenden Be- satzung in Cassel. mit weit grösserer Macht als vorher seinen Einbruch in das Hannòversche wiederholen werde; ja man sah dies als unzweifel- haft an. Da entschied sich Oberg dafür, sich dem Feinde auf der hannôverschen Strasse ge- rade in den Weg zu stellen, zumal das durch- schnittene Gelände auf dem rechten Fuldaufer die Verteidigung erleichterte. Er liess deshalb bei der Glashütte(der Spiegel-Mühle) zwischen Speele und Knickhagen eine Schiffbrücke über die Fulda schlagen und sandte am 4. Oktober frün den hessischen General-Major Prinzen von Fürstenberg mit 3 Bataillonen und 4 Schwadronen auf das rechte Ufer hinüber. Spät am Nachmittage folgte Isenburg mit dem zweiten Treffen nach, das Fussvolk auf demselben Wege über Knickhagen und die Glashütte, den Fürstenberg genommen hatte; die Reiterei benutzte eine Furt bei Wilhelmshausen, und das schwere Geschütz ging über Münden. Der Marsch war sehr beschwerlich, da der Weg von dem Fuldaufer zur Hôohe von Landwehrhagen


