vor dem Festungsgraben wurden besetzt; die Thorwache wurde nicht verstärkt, ja die Mann- schaften derselben verliessen in Menge das Wachthaus und begaben sich in ihre Quartiere, um die Tornister zu packen. Bei dieser Verwirrung gingen die Bewohner ungehindert durch das Thor aus und ein; einige Bürger kamen in das Lager Obergs bei Ober-Vellmar und berichteten ausführlich über den Stand der Dinge in der Stadt. Daraufhin erbot sich Oberst-Lieutenant Luckner, Cassel durch einen Handstreich zu nehmen, wenn ihm Oberg nur 2000 Mann zur Verfügung stellen wolle. Doch umsonst; dieser war zu nichts zu bewegen. Er hatte, als er nachmittags bei Ober-Vellmar anlangte, einige franzôsische Truppen auf der bei Wolfsanger geschlagenen Brücke die Fulda überschreiten sehen; er hielt den Feind für stärker, als er war, glaubte nun, selbst zu einem gewaltsamen Angriffe zu schwach zu sein, und erklärte, dass er den ermüdeten Truppen Ruhe gewähren und die Ankunft des Isenburg'schen Heeresteiles abwarten müsse. Dieser war am 22. von Bis- perode nach Eschershausen gegangen, hatte am 24. Holzminden erreicht und hier die Weser am 25. überschritten. Noch an demselben Tage marschierte er bis Beverungen, am 26. bis Stammen bei Trendelburg und vereinigte sich am 27. bei Ober-Vellmar mit Oberg.
Jene französischen Truppen aber, die am 26. nachmittags bei Wolfsanger die Fulda über- schritten, waren die Spitzen des Soubise'schen Heeres. Von dem Norgehen Obergs gegen Warburg und dem Marsche Isenburgs nach Holzminden benachrichtigt, hatte Prinz Soubise erkannt, dass diese Bewegungen auf Cassel gerichtet waren, und mit einer bei ihm seltenen Schnelligkeit des Entschlusses hatte er am 25. sein Heer von Göttingen nach Cassel aufbrechen lassen, während er selbst so rasch als möglich voraus- eilte. So kam er mit dem Herzoge Karl Eugen von Württemberg schon am 26. nachmittags in Wolfsanger an, ohne indes eine Ahnung zu naben, dass der Feind schon in solcher Nahe
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sei. Sie unternahmen einen Spaaierritt, stiessen dabei auf Luckner'sche Husaren, die sie zuerst für französische Reiter hielten und erst später als feindliche erkannten, und gewahrten zu ihrem grössten Erstaunen das ganze Oberg'sche Corps im Anmarsch. Sofort liess Soubise die ankom- menden Truppen über die Pulda gehen und die Strasse nach Cassel einschlagen, was indes nicht ohne Verwirrung abging, und in den Strassen der Stadt wurde durch die einrückenden Truppen die Unordnung und das Gedränge immer grösser. Zu ihrer eigenen Verwunderung blieben die Franzosen vollkommen unbehelligt, und sie ge- wannen das, was augenblicklich für sie das Wichtigste war: die Zeit, neue Truppen heran- zuziehen. Am Morgen des 27. traf von Zieren- berg aus über Dörnberg Oberst Waldner mit seinen 4 Bataillonen auf dem Kratzenberge ein; an diesem und am folgenden Tage langte der Rest von Soubise's Heer von Göttingen über Münden— auf dem Marsche durch Isen- burgs hessische Jäger vom linken Fulda-Ufer aus stark belästigt, aber nicht aufgehalten— bei Cassel an, sodass Soubise nun hier seine ganze Macht, 41 Bataillone, 27 Schwadronen und das Fischer'sche Freicorps, wieder vereinigt hatte.
So war durch Obergs Schuld, durch sein Zögern auf dem Marsche und durch seinen unverantwortlichen Mangel an Thatkraft und Ent- schlossenheit im entscheidenden Augenblicke die günstigste Gelegenheit, dem Feinde einen ganz empfindlichen Schlag zu versetzen, unwieder- bringlich versäumt worden.


