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1 (1895) Die Kämpfe an der Mündener Strasse im Jahre 1758
Entstehung
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Befehl zum Rückzuge zukommen lassen. Allein sie befolgten denselben nicht und setzten in ihrem Kampfeseifer den Widerstand so lange ort, bis sie durch die vordringende feindliche Reiterei von der Hauptmacht vollständig ab- geschnitten waren. Zuletzt beschoss der Feind von der Landstrasse aus mit einer Batterie von vier Geschützen die Stellung bei Ellenbach der Länge nach von der rechten Seite her; da zogen die Tapferen endlich gegen Sonnenuntergang über Uschlag nach Münden ab, nur wenig durch Geschützfeuer belästigt; hier trafen sie, ohne weiter verfolgt zu werden, um 10 Uhr abends ein, wo sie sich mit den Resten der Hauptmacht vereinigten.

Broglie verfolgte die Geschlagenen nicht; seine Truppen waren durch den Marsch von Fritzlar her und den erbitterten Kampf aufs äusserste erschöpft; er liess dieselben bis nõrdlich der ersten hessischen Stellung vorrücken und lagerte hier mit ihnen unter freiem Himmel; nur die 700 Freiwilligen unter Major Travers liess er den Hessen bis an die Gehölze jenseits Lutternberg langsam nachfolgen.

Von beiden Seiten war mit der grössten Tapferkeit und Erbitterung gefochten worden; mit Heldenmut hatten die weit schwächeren Hessen und Hannoveraner dem so überlegenen Feinde widerstanden. Wo das Handgemenge zu dicht wurde, ergriffen sich die Gegner an den Haaren; Leichtverwundete liessen sich ver- binden und eilten ins Gefecht zurück. Wohl- verdient ist das Denkmal, welches ihnen, den Uberwundenen, die dankbare Bewunderung der Nachkommen auf ihrem Ehrenfelde errichtet hat. Das beste Zeugnis für die beiderseitige Tapfer- keit sind die bei der nur vierstündigen Dauer des Gefechtes und der geringen Stärke beider Corps überaus bedeutenden Verluste. Die Hessen und Hannoveraner verloren mehr als 1000 Mann(30%), über 500 davon, wohl einschliess- lich der auf dem Schlachtfelde liegenden Ver- wundeten, gerieten in Gefangenschaft; die Zahl der verwundeten und getöteten Offiziere wird

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auf 4o angegeben. Verhältnissmässig am meisten hatte die Geschützbedienung gelitten: von 20 Mann beim Bataillon Isenburg blieben nur 4 übrig. An Geschützen gingen 7 und ebensoviel Munitionswagen verloren, deren Bespannung erschossen worden war; andere Siegeszeichen vermochte der Feind nicht aufzuweisen, der in seinen Berichten den Verlust der Verbündeten auf 4000, 4500, ja 5000 Mann angab weit mehr als die ganze Heeresabteilung überhaupt stark war. Sollten doch bei dem Rückzuge den Abhang zur Fulda hinab allein nicht weniger als 400 ertrunken sein! Nach sicherer Uber- lieferung haben nur etwa 1012 Mann ihren Tod in den Wellen dieses Flusses gefunden; jene Angabe ist aber wohl darauf zurückzu- führen, dass während der Nacht beide Teile eine grosse Anzahl ihrer Toten entkleidet in den Fluss warfen. Die Franzosen büssten, wie an- gegeben wird, an Toten und Vermissten(Ge- fangenen) 27 Offiziere und 758 Mann, an Ver- wundeten 135 Offiziere und 1257 Mann ein, im ganzen 2177, d. h. 37,5% bez. 33, 5% je nach der angenommenen Gefechtsstärke.

Von den Wällen von Kassel aus hatten die Bürger dem blutigen Ringen zugesehen. Bei dem Vorbrechen der Reiter und dem Vor- gehen der Infanterie glaubten sie die Ihrigen Sieger, klatschten und jubelten laut; als aber dann die hessische Infanterie den Abhang zur Fulda hinabgeworfen wurde, verstummte der Siegesjubel, und traurig schlich alles nach Hause.

Der unglückliche Ausgang des Treffens war hauptsächlich veranlasst durch die Schwäche der hessischen Reiterei, die mit 3 Schwadronen gegen 6, bezw. 12 feindliche, trotz aller Tapfer- keit auf die Dauer nichts ausrichten und Teil- erfolge nicht ausnützen konnte, und durch die mangelhafte Ausbildung und die Haltlosigkeit der Milizbataillone, die im entscheidenden Augen- blicke versagten.

Gross war auf beiden Seiten der Verlust an höheren und niederen Offizieren. Von Stabs-

Offizieren waren nur die Oberst-Lieutenants 2*