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1 (1895) Die Kämpfe an der Mündener Strasse im Jahre 1758
Entstehung
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Gunsten des Königs vollständig. Die Be- drückungen der französischen Armee in den eroberten Ländern, der Ausgang der Rossbacher Schlacht und die Erkenntnis, dass es im wohl- verstandenen Interesse seiner selbst und seiner Staaten läge, sein Schicksal nicht von dem Kônig Friedrichs zu trennen, der das Bündnis mit England dem französischen vorgezogen hatte, bewogen den Kônig Georg II. von England (zugleich Kurfürsten von Hannover), jene Conven- tion von Kloster Zeven nach zehnwöchentlicher Dauer für ungültig zu erklären. Der Herzog Ferdinand von Braunschweig erhielt den Ober- befehl der alliierten Armee; er benutzte meister- haft die Zerstreuung des französischen Heeres zu einem Uberfall. Von Stade aus drang er in 18 Tagen bis Celle vor, wo Richelieu einen Teil seines Heeres versammelte. Hier blieben beide Heere 1I Tage einander gegenüber bis zum 24. Dezember stehen, in der folgenden Nacht brachen die Alliierten auf und bezogen die Winterquartiere weiter rückwärts in der Gegend von Ulzen und Lüneburg. RKichelieu folgte diesem Beispiele und bezog die seinigen am linken Ufer der Aller zwischen Ocker und Leine.

Die bei Rossbach geschlagene Armee des Prinzen von Soubise war nach dieser Schlacht unter Richelieu's Oberbefehl getreten; auf seine Anordnung verliess sie ihre Standquartiere im Fuldaschen und Hanauschen und besetzte Hessen, das wieder schwere Brandschatzungen aufzubringen hatte; Soubise selbst traf am 13. Dezember in Cassel ein und schob seine Truppen über Münden bis Gôttingen vor. So war die Lage gegen Ende Dezember; doch lange dauerte die Ruhe nicht.

Der Herzog von Richelieu legte das Kommando nieder, und am 14. Februar 1758 trat der Graf von Clermont an die Spitze des französischen Heeres. Derselbe war zwar ein Geistlicher, aber königlicher Prinz, und alle Welt staunte gleichmässig über seine Berufung. Er war vollständig ungeeignet und unfähig zum Heeresbefehl und bei dem trostlosen Zu-

stande, in dem er die durch Mangel an Manns- zucht, ungenügende Verpflegung und Krank- heiten zerrüttete Armee vorfand, von vornherein von der Unmõglichkeit eines Erfolges so überzeugt, dass er um Enthebung vom Oberbefehle bat; doch willfahrte man ihm nicht. Ferdinand von Braunschweig, dem diese Verhältnisse wohl bekannt waren, beschloss sie zu benutzen. Am 18. Februar brach er aus den Winterquartieren auf und eröffnete den Feldzug. Binnen wenigen Wochen waren die Franzosen aus Hannover und Westfalen vertrieben, alle Eroberungen des glücklichen vorjährigen Feldzuges gaben sie preis; Nienburg, Minden, Hameln, Tausende von Gefangenen, eine Menge Geschütz und Heer- gerät fielen in Ferdinands Hand, der am 1. April in Münster sein Hauptquartier aufschlug und das Heer, dessen erschüttertes Selbstvertrauen und Siegeszuversicht nun vollständig wiederher- gestellt war, in der Umgegend neue Standquartiere beziehen liess. Die Franzosen aber wichen völlig über den Rhein zurück und legten ihre Truppen hinter diesem Strome in Quartiere.

Gegen Ende Mai zog Ferdinand sein Heer

im Lager bei Nottuln und Coesfeld zusammen, setzte sich dann nach dem Rheine in Bewe- gung und überschritt denselben in der Nacht vom 1. zum 2. Juni bei Lobit(Tolhuis) dicht an der holländischen Grenze. Am 23. Juni gewann er gegen Clermont die Schlacht bei Crefeld; infolge dieses Sieges fielen Roermonde und Düsseldorf in seine Hand, von denen das letztere sich am 7. Juli nach kurzem Widerstande ergab.

Nun trat aber eine Wendung der Dinge ein. Clermont wurde abberufen, und der Marquis von Contades, ein kluger und erfahrener, aber etwas allzu vorsichtiger Feldherr, zum Oberbe- fehlshaber des französischen Heeres ernannt. Dieses, welches bis Côln zurückgewichen war, empfing aus Frankreich bedeutende Verstär- kungen, sodass es auf 75 000 Mann gebracht wurde und dem Heere des Herzogs Ferdinand bedeutend überlegen war. Dieser Umstand, die Bedrohung