Druckschrift 
1 (1914)
Entstehung
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Wer aber nun das Wesen der italienischen Kunst als das Kunstideal überhaupt ansieht, der bekommt eine Vorliebe für sanſte, weiche Linien, für glatte, regelmäßige Formen. So wird er ungerecht in seinem Urteil. Er muß von diesem Standpunkt aus den größten Teil der deutschen, auch der niederlãändischen Kunst verdammen, denn dies Kunstideal, dies Schönheits- empfinden der Italiener entspringt nicht dem Xussehen und nicht dem Wesen unseres Volkes und des germanischen Stammes überhaupt. Wir Deutsche haben z. B. etwas Derbes und Knorriges, aber uns ist Innerlichkeit und Gemütstiefe eigen. Diese zeigen sich in charakteristischen Zügen des Gesichtes, die von inneren Kämpfen, von Sorgen und Schmerzen erzählen, sie zeigen sich auch in dem seelenvollen, ausdrudasvollen Blick der Augen, nicht aber in den weichen, regelmäßigen Zügen oder im griechischen Profil, die uns bei den Bildern der Italiener oder den Statuen der Antike so leicht gefallen.

Anser Idoal in Kunst und Leben finden wir in den Charakterköpfen Düurers und Lombrandts verkörport,

Zum Schluß dieses Teiles wirft der Lehrer die Frage auf:Wer er⸗ scheint Ihnen wohl als der größere Künstler, derjenige, der uns in ferne Schönheitswelten führt, um uns zu erheben, oder derjenige, der offenen Auges und mit feinem Künstlerblid uns die vorher nicht gesehenen Schön- heiten unserer UImgebung zeigt und uns unsere ugen öffnet für das, was man Poesie der Alltãglichkeit nennen kõnnte? Wer ist wohl von diesen beiden der größere Freudebringer? Die Antwort darauf überlasse ich Ihnen.

LEIBL. In dem zweiten Abschnitt, Beispiele aus dom Siütenbilde des IO. Jahrhunderts, handelt es sich darum, die Eigentüm- lichkeiten der Kunst eines Leibl hervortreten zu lassen, im Gegensatz zu Knaus, Lautier und Defrogger, Zunächst stellen wir durch Vergleiche mehrerer Bilder von Leibl das Was seiner Kunst fest. ο Leib! nimmt ganz einfache Motive aus der Wirklichkeit, er beobachtet streng und gibt dann alles so wieder, wie er es gesehen hat. Wir stellen auch bei ihm wieder das Indiskreto fest, was ja jede große Kunst hat. Er erzählt eigentlich nicht, er gibt nur einen kleinen Ausschnitt aus der Natur, aus dem wirk- lichen Leben im Haus, in der Kirche, auch im Wirtshaus. Ein treffliches Beispiel sinddie drei Frauen in der Kirche ruhig sitzen sie da und singen, oderdie Dorfpolitiker. Hier ist die Hauptsache die Charakteri⸗ sterung im Gesichtsausdruck. Alles auf Leibls Bildern ist geadelt durch die prächtige Kunst der Wiedorgabe dos Einzelnen, z. B. der Muster des Kleides oder des Halstuches, des Filigranschmuckes oder der knochigen Hände. Er er⸗