— 31—
Es werden eine Anzahl Xbbildungen aus der italienischen Kunst, nament⸗ lich von Raffael, vorgelegt und festgestellt, worin bei diesen die Schönheit beruht, die selbstverständlich vorhanden ist.
Gut gelang dies bei einem Vergleich zwischen den singenden Engeln des Genter Altares und einigen musizierenden Engeln von Bellini und Carpaccio. Wir stellen als Eigentümlichkeiten der italienischen Kunst fest/ chönkheit der Linie und dos Taltenwurfes der Gewänder, schöne Anordnung und Komposition, mäckbtige edlo Gestalten in vornehmer Haltung mit feierlichen Gebärden. Nichts Alltägliches, etwas Erhabenes, Reierliches spricht aus den Bildern. Es ist wie eine schöne Sonntagspredigt, wie ein mächtiger Orgelklang in den weiten Hallen einer gotischen Kirche. Der Iroff wird meist aus der Geschichte der Heiligen entnommen, aus dem neuen Testament, er ist also meist relugiés. Daneben bilden eine be- sondere Gattung die Porträts. Landschaftsbilder dagegen, Sittenbilder und Stilleben finden sich, so fügt der Lehrer hinzu, in der italienischen Kunst nicht. Ihr Stoffkreis ist also sehr beschränkt, woher kommt das? Die Auftraggeber sind die Kirche oder der italienische Adoet Was ging diesen das Leben der Bauern oder des einfachen Bürgers an? Das wollte er nicht sehen. Bei den olländorn aber, in dem freien demobratischen Lande, ist der Burger der Auftraggeber, Dieser will alles gemalt haben, was ihn interessiert, was er um sich sieht, was er vielleicht in Wirklichkeit besitzt. Die Auftraggeber und ihr Interesse waren also durchaus verschieden, ja entgegengesetzt.
Worauf beruht nun im Gegensatz dazu das Schönheitsideal der Germanen? Das Wosen der germanischen Kunst beruht— es wird noch einmal wiederholt— im Ausdruck vor allem in dor Wiedemgabe des Wesentlichen, des Charakreristischen, im Jeelischen, nicht in der schönen Form. So sehen wir bei den singenden Engeln von van Ey keine schönen Gesichter, im Gegenteil, sie sind entstellt durch das Singen, durch den offenen Mund. Aber so sieht man aus, wenn man singt, das zeigt gerade den Eifer, das Interesse.(Es wird hier an das Bild von Steen er⸗ innert, wo sich auch der Wirklichkeitssinn, die Wahrhaftigkeit in etwas ver- zerrten Gesichtern kundgibt.) Dazu kommt die genaue Ausführung der Orgel, der Brokatstickereien auf den Gewändern usw., genau so, wie wir das schon bei Steen und Terborch, auch bei Teniers feststellten. Es zeigt sich auch hier Jie Liebe zum Kleiusten, zum Alltdäglichen, auch ein Merk⸗ mal der germanischen Kunst.
Das Eigebnis ist also: Die italientsche Kunst ist die Kunst der äuberen formalen Schönbeit, Jio germanische Kunst ist dio Kunst dor Ichönheit des Ausdrucks, dor Jooſo.


