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1 (1914)
Entstehung
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keit und Lustigkeit zieht uns an, es stimmt uns fast fröhlich, so etwas anzu⸗ sehen, wir bedauern, nicht mittun zu können.

Mit diesen vier Punkten sie werden alle nochmals kurz wiederholt haben wir nun die Haupteigentümlicbkeiten der germanischen Kunst überhaupt besprochen. Es ist dies vor allem die MNatürlichkeit und der Wirklichkeitssinn, dann die Art ihrer besonderen Schönbheit, die nicht im Außeren, Formalschönen liegt, sondern im Wosentlichen und Cha- rakteristischen. Der Stoff wird der Alltäglichkeit entnommen, aber ein Künstler ist es, der uns die Wirklichkeit vorführt, ein Mensch, der begabt ist mit guter Beobachtungs- und Schilderungskraft, mit feinem Sinn für Farben und Licht, mit gutem Verständnis für das Wesentliche. Andere Haupteigenschaften der germanischen Kunst werden wir namentlich bei Rembrandt kennen lernen.

Auch das Erzieherische, das in der Beschäſtigung mit der Kunst liegt, der dauernde Einfluß, den häufige lange Beschäftigung mit der Kunst haben muß, kann ich Ihnen hier schon zeigen. Wir bekommen Farbensinn und vor allem Tarbenfreudigkeit. Nicht mit Unrecht hat man gesagt, daß wir in unserer Kleidung, ich denke namentlich an die Männerkleidung, und in der Einrichtung unserer Wohnung mehr Farbenfreude zeigen sollten. ¹⁹ Leider ist es uns nicht möglich, in unserer Kleidung allzu farbenfroh zu sein. Das einzige, wo der Mann seine Farbenfreudigkeit zeigen kann, ist die Krawatte und vielleicht auch noch die Weste. Besser ist die Frau daran. Für sie ist freilich der Farbensinn und das Verständnis für passende Farben- zusammenstellungen viel wichtiger als für uns. Ich brauche Sie nur an das Zusammenstimmen der Farben in der weiblichen Kleidung und bei den Handarbeiten zu erinnern. Auch in unserer Wohnung sollten wir mehr Farbe lieben. Wie schön sind zum Beispiel die grünen Läden an dem Hause der Galerie gegenüber. Wozu die schokoladenfarbenen oder ganz weißen Türen, warum nicht grüne oder rote Türen mit entsprechender oder entgegengesetzter Farbe der Wand, dazu dann passende Teppiche, Sofabezug und Tischdecke. Die Decke des Zimmers ist dann am besten weiß zu halten als neutrales Gebiet. ¹⁵

Aber die Beschäſtigung mit der Kunst gibt uns noch mehr. Wir lernen be- obachten und das Wesentliche erkennen, das ist ja auch sonst sehr wichtig im Leben, das Wesentliche von dem Unwesentlichen zu scheiden. Ich brauche Sie nur an die Leute zu erinnern, die es nicht können, die sogenannten Pedanten oder Kleinigkeitskrämer. Wir verspotten und verachten sie mit Recht. Kurz, so möchte ich sagen, wir lernen mit den Augen des Künstlers in die Welt zu blicken, auch in der Alltäglichkeit die Schönheit zu sehen, die wir vorher nicht sahen, da, wo wir vielleicht nur Minderwertiges, Gleich⸗