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1 (1914)
Entstehung
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graphen, oder sie wissen, daß sie gemalt werden und benehmen sich dem- entsprechend. Es ist vielmehr, als ob der Künstler heimlich alles beobachtete etwa durch ein Schlüsselloch und uns dann alles durch das Bild ver- riete. Es ist mit einem Worte das Indiskrete aller echten wahren Lunst.

Hier wird die Frage aufgeworfen: Wenn nun in der Kunst das Natür- liche, das Wirkliche so hoch zu stellen ist, ist dann nicht vielleicht eine gute Photographie, vor allem wenn sie die Farbe der Natur getreu wiedergibt, das Ideal eines Kunstwerks, oder worin liegt der Mutersiod einer guten Phorographie und eines echten Kunstwerks? Es muß doch ein tiefer Unterschied bestehen zwischen der täuschend wiedergegebenen Natur und der Kunst, sonst wäre eine Wachspuppe, die täuschend das Leben nach⸗ ahmt und sogar atmen kann, ein großes Kunstwerk. ¹Glauben Sie denn wirklich, so fährt der Lehrer fort,daß Steen alles genau so gesehen hat, wie er es uns hier zeigt? Meinen Sie, daß alles so gruppiert war, daß die Leute diese Bewegungen und diese Gesichter machten in dem Augenblick, als die gute alte Tante dem kleinen Bohnenkönig das Glas zum Trinken hinhielt, daß sie alle diese Haltung hatten und daß die Farben wirklich so zusammenstimmten? Unmöglich ist das natũrſich nicht, aber höchst unwahr- scheinlich. Der Künstler geht von der Natur, von der Beobachtung der Wirklichkeit aus. Er setzt dann das Bild zusammen, aus lauter einzelnen Teilen. Er stelſt die Tarben, die Töne, das Licht zusammen, er läßt Unbedeutendes wog, hebt abor dafür das Mosentliche hervor, das, was fur diesen Zweck das Charalteristische ist. Das Wesentſiche ist aber gerade das Künstlerische. Er muß auch in der Waßl des Augenblicks darauf Bedacht nehmen, daß er möglichst einen ugenblic nimmt, der für das Ganze Bedeutung hat, der nach rückwärts und nach vorwärts möglichst viel erschließen läßt. Es ist dies der sogenannte fruchtbare Moment. Sie kennen wohl den Rusdruc von Lessings Laokoon her. Also ein Künstler betrachtet mit Künstleraugen die Natur und holt das Künstlerische heraus. So hat Dürer recht:Die Kunst steckt in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie. Aber der Künstler kann auch viel von seiner eigenen Auffassung hinzutun, von seinem eigenen Fühlen, seinen Schmerzen und Freuden. Man hat dies wohl ausdrücken wollen durch die Worte: Kunst ist Natur, gesehen durch ein Temperament oder wie Dürer es ausdrüdat:Ein wahres Kunstwerk muß etwas Persönliches sein, eine Wiederspiegelung der Auffassung des Künstlers.

So ist bei unserem Bilde hier alles durchtränkt von einem Zug, der über- haupt Steen eigentümlich ist und das ist der vierte Punkt, von seinem Numor, oder wenn man an unsere Auffassung der Gruppe rechts denken will, So könnte man sagen von seinem Spou,, seiner Satire. Diese Heiter-