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1 (1914)
Entstehung
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Aber die Beantwortung unserer Frage gibt uns Gelegenheit, die Frage nach dem Wesen und der Bedeutung der niederländischen Kunst überhaupt zu beantworten, denn unser Bild ist ein gutes Beispiel für die Art der niederlãändischen Kunst, oder besser der germanischen Kunst überhaupt, Sie werden es in unseren weiteren Besprechungen bestätigt finden.

Wir stellen also die Frage, was gefällt uns an dem Bilde? Nun wäre es denkbar, daß jemand von vornherein solche Bilder ablehnt, weil ihm das alles hählich erscheint: die etwas angeheiterte Frau, die oſt fratzenhaft verzerrten Gesichter usw. UÜberhaupt mag ihm vielleicht das Alltägliche zu unbedeutend vorkommen, als daß es ein Vorwurf für ein Gemälde sein kann, dann können wir nur sagen, du hast keinen Begriff, worauf es dem Maler ankommt. Auch der Maler hält ja das, was du häßlich nennst, nicht für schön, du mußt deine Augen etwas anders einstellen und tiefer sehen, du mußt zu verstehen suchen, was der Künstler eigentlich will. Das Nähere haben wir ja vorhin besprochen.

Durch Fragen wird nun festgestellt: Die Lorzuge des Bildeos, das, was uns gefällt, liegt zunächst in den Farben, in der Frische und Leuchtkraft der Farben, in der Zusammenstellung der Farben(an das Rot, das Gelb- lich und Bräunlich wird erinnert, von dem wir oben sprachen), kurz in der Farbenfreudigkeit.

Sodann in dem Licht, in der Verteilung des Lichts, namentlich bei den Gewändern(Beispiel: Kleid der Frau am Tisch), in dem Spiel des Lichts auf den Gegenständen(Glas und Metalh, auch das Goldgelbe des Tons kommt hinzu.

Der Ton, so wird erklärend hinzugefügt, im Gegensatz zu der Farbe der einzelnen Gegenstände, der Lokalfarbe, ist die Xtmosphäre, die über der ganzen Szene liegt. Durch ihn deutet der Maler die Luft an, er will uns gleichsam das Gefühl geben, daß wir in diesem Zimmer atmen können. Dieser goldgelbe Glanz gibt der Szene etwas Feierliches, durch dieses goldgelbe Licht soll das Gewöhnliche, Alltägliche in das Reich der mehr idealen Kunst gehoben werden.

Dazu kommt die Lebendigkeit, die Natürlichkeit, der Wirklichkeits- sinn. Die Schüler erklären, was damit gemeint ist. Es ist so, wie es sich zugetragen haben mag. Die Leute benehmen sich so, wie sie sich be⸗ nehmen, wenn sie lustig sind und auch schon manches getrunken haben. Wir glauben, eine soſche Szene in Wirklichkeit vor uns zu haben, wir ver- gessen fast, daß es nur ein Gemälde ist.Das aber, fügt der Lehrer hinzu, ist gerade die größte Kunst, uns die Kunst vergessen zu machen. Bei echter wahrer Kunst dürfen wir nie das Gefühl haben, diese Leute sind zurecht gestellt, alles ist nach Überlegung angeordnet, so wie beim Photo-