Druckschrift 
1 (1914)
Entstehung
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Sie ihre Kleidung. ⸗Sch.- Sie trägt einen gelbseidenen Rock, eine weiße Schürze, ein rotes Mieder und eine bräunliche Sammetjacke.-ZL.: Achten Sie auf die Farben des Stoffes. Wie gut hebt sich das Rot von dem Gelb ab, wie paßt das Gelb hinein in die Farbenharmonie des Gelblichen und Bräunlichen, von der wir vorhin sprachen. Wie schön ist der Wechsel des Lichtes von hellen und dunkeln Partien auf dem Kleide, dieses Hin= und Herwogen gleichsam, dieses Nuf und Ab, wie Berg und Tal. Wodurch ist das hervorgerufen?. S., Durch die Schwere des Stoffes, durch die Haltung und Stellung der Beine. L.- Finden Sie sonst noch Rot in ihrer Kleidung außer dem Mieder? Jch.⸗An den Schuhen. ZL.: Wo sonst noch auf unserem Bilde? Dies wird zusammengestellt. Achten Sie auf denKasten, wie Sie ihn eben nannten, auf dem die Frau ihre Beine hat. Es ist ein sogenanntesStoofge, ein kleines Holzgestell, in dem sich ein roter irdener Topf mit glühenden Kohlen befindet, er dient zum Wärmen der Füße. Nun einiges über den Gesichtsausdruck und die Haltung der Frau. Beim Gesichtsausdrud sind am wichtigsten die sogenannten sprechenden Gesichtsteile, die Nugen und der Mund. Warum?. Sch. Sie geben am meisten Xuskunſt über das, was die Person redet, denkt und fühlt. ⸗L.- Wie ist der Ausdrud ihrer Augen? Sh.- Die Augen haben den Ausdrudk wie bei jemand, der schon etwas zu viel getrunken hat.- L., Woraus schließen Sie das auch sonst noch? Sch.- Aus der nachlässigen Art und Weise, wie sie das Glas hält. L., Wieso?. Sch. Das Weinglas ist halb gefüllt, sie hält es aber so nachlässig und gleichgültig nach der Seite, daß sie im nächsten Augenblick den Wein auf ihr Kleid schütten wird.. L., Was bedeutet der Krug in der anderen Hand?. Sch. Sie will ihn gleich bei sich haben, wenn sie ausgetrunken haben sollte. L. Lässig ist überhaupt ihre ganze Haltung. Wie sie dasitzt, die Beine aus⸗ gestreckt, den Arm über die Lehne des Stuhles gelegt. Etwas Unpassen- des liegt darin nach unserer Auffassung, auch wie sie das Mieder geöffnet hat. Möglich, daß man im 17. Jahthundert anders darüber dachte, doch schön ist es jedenfalls nicht. Warum aber stellt denn der Künstler diese Frau so dar, glauben Sie, daß er bei dieser Frau dies alles für schön hielt? Ich. Nein, er will uns damit nur zeigen, daß die Frau etwas zu viel ge- trunken hat.* L., Das ist richtig, oder besser gesagt, er will die Frau Garakterisieren, er will uns zeigen, wie lustig es hier zugeht. Die Frau hat schon ein wenig über den Durst getrunken, sie ist in Weinstimmung, dann benimmt man sich so ungeniert und sieht so aus. Es ist ihr warm geworden, und darum knöpft sie ihr Mieder auf. Also merken Sie sich, es ist von größter Wichtigkeit nicht eine schöne Trau will uns der Maler zeigen, die uns erfreut durch die Schönheit ihres Außeren, deren