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Sulpicius geredet, ¹) und dabei unter andern auf die Lebendigkeit und das Feuer seiner Rede, wie auf die Ueberfülle von Kraft und seine überströmende Fruchtbarkeit aufmerksam gemacht. Und wenn sich auch diese übersprudelnde Ueppigkeit unter dem bildenden Einflusz seines Vorbildes und Meisters Crassus in etwas gelegt, so müszte sich doch auch jetzt noch, meint Antonius, der feurige, gährende Wein mehr und mehr abklären. Das bewährteste Mittel hier- zu aber sei die fleiszige schriftliche Uebung; denn stilus optimus est dicendi magister. ²) Uebe Sulpicius diese heilsame Zucht sorgfältiger schriftlicher Conception, so würden die überflüszigen Ranken abgeschnitten und die allzu voll und üppig aufwachsende Saat zum Besten des Ganzen ein wenig gelichtet werden, oder ohne Bild, seine Sprache würde einfacher und reiner, von allem Ueberflüszigen befreit, gediegener und kernhafter(pressior) werden.
Die angeführte Stelle kann nun(was die Erklärung im Einzelnen angeht) einmal als ein recht deutliches Beispiel dienen, wie durch unrichtige Interpunction die Auffaszung des Sinnes getrübt wird. In allen Ausgaben steht nämlich, wie oben, hinter dicere ein Komma, so dasz in summa ubertate mit in qua sc. oratione Sulpicii inest luxuries quaedam zu verbinden ist. Diese Verbindung in oratione Sulpicii in summa ubertate inest luxuries quaedam hat aber etwas sehr Auffallendes, denn die summa ubertas ist ja eben nichts anders als luxuries quaedam. So verwandte oder gar geradezu gleichbedeutende Begriffe können aber natürlich auf diese Weise nicht zusammengestellt werden; es müszte dann nach Analogie anderer Beispiele ³) statt ubertate vielmehr ein Wort dastehen, das einen gewissen Gegensatz zu luxuries bildete; wie denn auch Bake schol. hypomn. II p. 142 gerade aus dieser Rücksicht gravitate zu lesen vorschlägt. Aber einer so willkürlichen Aenderung der handschriftlichen Lesart bedarf es nicht, wenn wir nur das Komma nicht hinter dicere, sondern erst hinter ubertate setzen und also diese Worte in summa ubertate zu dem Zwischensatz ut in herbis rustici solent dicere sc. in- esse luxuriem ziehen, wo sie auch notwendig hingehören: den figürlichen Ausdruck luxuries braucht ⁴) der Landmann von der jungen grünen Saat, wo sie zu gut, zu üppig steht(in summa ubertate). So wird die luxuries der Sulpicischen Rede mit der luxuries segetum ver- glichen. Beide Arten von luxuries sind Fehler, ³) und wie der verständige Oekonom die allzu- voll und reichlich stehende Saat, natürlich so lange sie noch grün ist, abweiden läszt,*) damit nicht Alles unter der Ueberfülle ersticke: so musz der Redner, dessen Diction an einer luxu- ries der Worte leidet, bei Zeiten mit dem Griffel— der wie der dens pecoris ohne Schaden*)
1) Vgl. I 29, 131 u. 132. Brut. 55, 202 ff.
2) Cic. de or. I 33, 150; 60, 257. Brut. 25, 96 artifex ut ita dicam stilus. ad Fam. VII 25, 2 stilus est dicendi opifex. Brut. 24, 92 nulla enim res tantum ad dicendum proficit, quantum sceriptio.
3) Vgl. Brut. 40, 148 Crassus in summa comitate habebat etiam severitatis satis, Scävolae multa in severitate non decrat tamen comitas.
4) Cic. de or. III 38, 155. Nam gemmare vites, lIuxuriem esse in herbis, laetas segetes etiam rustici dicunt.
5) Plin. h. n. XVIII 44, 2 inter vitia segetum etiam luxuria est.
6) Plin. h. n. XVIII 45 luxuria segetum castigatur dente pecoris in herba dumtaxat. Virg. Georg. I 112 luxu- riem segetum tenera depascit in herba.
7) Plin. I. I. et depastae quidem(sc. segetes) vel saepius nullam in spica iniuriam sentiunt.


