Druckschrift 
[2] (1858)
Entstehung
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4.

Die eben citierte Stelle lautet nach der gewöhnlichen Lesart vollständig:

II 17, 73. In his operibus si quis illam artem comprehenderit, ut tlämgquam Phidias Minervae signum eſfſicere possit, non sane, ut quemadmodum in clipeo idem aurtife minura illa opera facere discat, laborahil.

Das Bedenken des Catulus, dasz Antonius doch vielleicht zu wichtige und bedeutende Dinge der Uebung und Analogie überlasze, statt besondere theoretische Vorschriften darüber zu ertheilen, sucht Antonius damit zu beseitigen, dasz er ihm die gewaltige Grösze des orato- rischen Gebietes, auf das er seine Lehrvorschriften beschränkt hatte, in wenigen, aber inhalts- schweren Worten vorhält. Wer hier fügt er dann hinzu auf diesem Gebiete der öffent- lichen Beredsamkeit vor Gericht Meister ist, wer den hohen Forderungen, die da an den Redner gestellt werden, Genüge leistet, der wird um Erlernung der übrigen Dinge von mehr untergeordneter Bedeutung nicht in Verlegenheit zu sein brauchen.

So gewis dies der Sinn der ganzen Stelle ist, so viel Schwierigkeit haben den Erklärern einige Worte in derselben gemacht. Die Handschriften haben nämlich sämtlich nur non sane quemadmodum in clipeo idem artifex minora illa opera facere discat laborabit; das ut der Vul- gatlesart fehlt in allen. Hat aber Cicero die übrigen Worte alle so wie sie dastehen geschrie- ben, so kann allerdings ut nicht entbehrt werden, und ist dies daher von Ernesti und von den meisten andern Herausgebern, die ihm gefolgt sind, in den Text gesetzt. Nur Orelli hatte früher die Vulgata durch die Erklärung zu vertheidigen gesucht: ,is non sane, quemadmodum minora illa opera facere discat laborabit, quemadmodum neque in clipeo idem ille artifex, quem- admodum illa opera faceret, laboravit, so dasz also das einmalige quemadmodum zu dem Sat⸗ minora illa opera facere discat noch einmal zu denken und aus facere discat nur das erstere, facere, zu entnehmen wäre. Später aber hat Orelli selbst diese seine Erklärung um dieser dop- pelten unerträglichen Härte willen gewis mit Recht wieder aufgegeben.

In der Stellung des durch Conjectur eingeschobenen ut weichen jedoch die Herausgeber von einander ab. Ernesti und die ihm folgen, wie Ellendt und Orelli in der zweiten Aus- gabe setzen es hinter quemadmodum, Pearce hinter clipeo, noch andere, wie Klot⸗z nach dem oben gegebenen Text vor quemadmodum. Schon aus diesem Schwanken ergibt sich, wie mislich die Einschiebung des in den Handschriften fehlenden ut ist. Bake in den hypomn. schol. II p. 135 will daher lieber discat gestrichen haben und erklärt demgemäsz: non sane, quemadmodum in clipeo idem ille artifex(sc. non laborabat) minora illa opera facere laborabit i. e. non sollicitus erit de minoribus illis. Für den Gebrauch von laborare mit dem Inſinitiv verweist er dabei auf Verr. III 55, 127 saltem populi Romani commoda respicite, si sociis fidelissimis prospicere non laboratis. Das geht aber nach dem ganzen Zusammenhang entschie- den nicht an; Antonius begegnet, wie bereits oben bemerkt ist, einem Einwurf des Catulus, der zwar im Allgemeinen zugestanden hatte, Antonium praeclare ante oculos posuisse, quid dis- cere oporteret eum, qui orator esset futurus, aber gleichwol zu bedenken gibt, ob nicht Antonius doch noch zu bedeutende Dinge dem Selbststudium überlasze. Müller dage-