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[2] (1858)
Entstehung
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peiden andern Theile der Philosophie, der Metaphysik und Dialektik allenfalls dispensieren könne, hatte Crassus selbst gemacht(c. 15, 68). Um so nachdrücklicher aber war er dabei stehen geblieben, dasz dem Redner das specielle Studium des dritten Theils der Philosophie, der Ethik, nicht erlaszen werden könne. ²) Gegen diese, wie es schien, unangreifbare und darum von den Philosophen den Rhetoren gegenüber mit hohem Selbstgefühl behauptete Posi- tion ³) erhebt nun Antonius seinen Widerspruch, und die ganze nachfolgende Exposition ist schlechterdings nur darauf gerichtet, selbst diese Anforderung an den Redner als unberechtigt zurückzuweisen. Ist dem aber so, hat unsere Stelle den speciellen Zweck, gerade diesen Punkt zu widerlegen, so kann Antonius den Satz, den er bestreiten will, unmöglich so anführen, wie ihn die Vulgatlesart bietet; hier darf er die Behauptung seiner Gegner durch eine willkürliche Steigerung nicht entstellen; das könnte nur zum Nachteil seiner eigenen Kritik geschehen, deren Absicht, wie gesagt, jetzt nicht darauf geht, die leichter zu widerlegende Forderung. dasz der Redner die ganze Philosophie studiert haben müsze, zu bekämpfen, sondern die Sei- tens der Philosophen mit viel mehr Schein erhobene und auf den ersten Anblick weit schwerer zu bestreitende Behauptung: insoweit seien doch für den Redner philosophische Studien uner- laszlich, als er um seinen Hauptzweck auf den Menschen zu wirken, sicher erreichen zu können, ohne Zweifel auch der Menschen Natur und Charakter studiert haben müsze.

Dasz daher rerum omnium naturam falsch ist, erleidet keinen Zweifel, und wird viel- mehr dem dargelegten Zusammenhange nach zu lesen sein: hominum naturam(oder natu- ras) mores atque rationes.) Darauf führen nämlich ähnliche vorausgehende Stellen, die zugleich als Commentar zu unserer Stelle(besonders zu rationes) dienen können, sowol c. 12. 53 quae nisi qui naturas hominum vimque omnem humanitatis causasque eas, quibus mentes aut incitantur aut reflectuntur, penitus perspexerit etc. als die bereits angeführte c. 14, 60, wie c. 36, 165 de naturis hominum, de moribus, de rationibus eis, quibus hominum mentes et inci- tarentur et reprimerentur. Wie aber die hergebrachte Lesart entstanden ist, erklärt sich sehr leicht. Durch einen Abschreiberfehler kam statt hominum(wie das bekanntlich unzäligemal geschehen ist) omnium in den Text, und dies hatte wieder sowol den Zusatz rerum zu omnium, als auch die Hinzufügung von hominum hinter mores zur Folge.

3.

II 16, 69 negque est omnino ars ulla, in qua omnia, quue illa arte effici possint, a doctore tradantur; sed qui primarum el certarum rerum genera ipsa didicerunt, reliqus non incommode per- secquunlur.

Es gibt schlechthin keine Kunst(meint Antonius) in der AIles, was in ihren Bereich gehört, bis in die individuellsten Einzelheiten ausdrücklich gelehrt wird. sondern der Unterricht

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2) Vgl. c. 12, 53; 14, 60; 15, 68. 3) So z. B. von Charmadas gegen Menedemus c. 19, 87; vgl. c. 10, 42. Daher: istis tragoediis tuis, quibus uti philosophi maxime solent.

4) Nicht: omnem naturam moresque hominum, wie Bake will.