Druckschrift 
2 (1862)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

sten Verbum, dem doceri paszte,*) so dasz also das deleclari und permoreri beszer noch jedes durch eine besondere Wendung berücksichtigt wurde.

Was nun aber näher die zweite Protasis betrifft aut si ut arem cantu aliquo sic illos viderit oralione quasi suspensos leneri, so leidet dieselbe in den Worten ut arem cantu aliquo an einem offenbaren Verderbnis. Allgemein werden die Worte so erklärt, dasz man canta von dem Lock- gesang des Vogelstellers erklärt, etwa nach dem bekannten Vers: fstula dulce canit, volucrem dum decipit auceps. Aber dann dürſte eben aucupis als der Hauptbegriff auf keinen Fall fehlen. Zudem möchte doch dieser ganze Vergleich sowol des Redners mit einem auceps und dessen Locktönen, als der Richter mit einem aris, der auf die bethörende Lockpfeife hört, um dann blindlings seinem Triebe folgend ins Garn zu gehen, hier wo von der Einwirkung eines wahren Redners auf die Herzen besonnener Männer die Rede ist, in der That als durchaus unpaszend und völlig unerträglich erscheinen. An einen Sänger aber wie Horant in der Gudrun, dessen herzbewegendem Gesang auch die Vögel lauschen, dürfen wir doch hier nicht denken. Nein, avem ist die verunglückte Correctur eines Grammatikers, der aus Misverständnis der Stelle den Accusativ für notwendig hielt. Es handelt sich hier(wie oben bereits bemerkt ist) um das zweite Hauptziel des Redners ut delecletur et quasi voluptate quadam perfundatur is apud quem dicelur.**) Dazu paszt aber der Vergleich ganz vortrefflich, der durch die sehr nahe liegende Aenderung der Worte in ut suavi avis canlu aliquo gewonnen wird: ‚wenn wir wahr- nehmen, dasz die Herzen der Zuhörer, wie durch irgend einen reizenden Vogelgesang so durch den Wollaut und den melodischen Klang der Rede gleichsam schwebend getragen werden d. h. ganz entzückt sind von der reizenden, gewinnenden und fesselnden Darstellunge. Wie leicht suavi zwischen ut und avis ausfallen konnte, leuchtet auf den ersten Blick ein; wie sehr es aber hier an seiner Stelle ist, beweist Or. 21, 69 erit igitur eloguens is qui in foro causisque civilibus ila dicet, ut probet, ut deleclel, ut ftectat;, probare necessitatis est, delectare suavita- tis, fleclere vicloriae. Der Ton liegt natürlich nicht auf llos,***)(das dem griechischen 2zeενos gleich nichts anderes ist, als stellvertretendes Pronomen für iudices),) sondern auf oratione, die durch den Vergleich mit suari aris cantu treffend als solche charakterisiert wird, die nach dem docere oder probare auch das andere Hauptziel, das delectare oder conciliare in hohem Masze erreicht hat, als oraltio placida, summissa, lenis, bei der es auf die lenitas vo- cis und rerborum comilas ankommt, H) im Gegensatz zu der fortis oralio, die sich dann bei dem

*) ad Herenn. I 4, 7 docilis is est, qui attente vult audire. Macrob. sat I 3 cum omnes paratos ad audiendum erectosque vidisset.

**) Brut. 49, 185: 50, 188.

*rn) Dasz man irrtümlicher Weise illos betonte ist eber zu der falschen Correctur von avis in avem die Ver- anlaszung gewesen.

) wie in der oben teilweise angeführten Stelle de or. II 57, 310, die weiter also lautet: una ex tribus his rebus prae nobis est ferenda, ut nihil aliud nisi docere velle videamur, reliquae duae sicuti sanguis in corporibus sic illae in perpetuis orationibus fusae esse debebunt.

rr) de or. II 29, 129 Harum trium partium prima(sc. das conciliare) lenitatem orationis, secunda(das