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in ihm unstreitig in vielen Fällen ein wertvolles Mittel haben, die überlieferte handschriftliche Lesart zu berichtigen. Denn der Rückschlusz, den der neueste Herausgeber des Brutus, 0. Jahn, von der Beschaffenheit der vorhandenen Handschriften(die doch nur Copien von einer Copie sind) auf das eigentliche Original(den coder Laudensis) macht, dasz auch dieses schon vielfach lückenhaft, interpoliert und verderbt gewesen, ist so unbedingt und allgemein nicht zuzugeben. Wenn freilich mit jener uralten Handschrift(dem cd. Laud.) beim ersten Abschrei- ben gerade so verfahren wäre, wie in früheren Jahrhunderten mit andern Handschriften, wo nicht selten der Sprache unkundige Abschreiber die einzelnen Worte oder Buchstaben mecha- nisch zu copieren und wol oder übel an einander zu reihen suchten, dann würde es im Gan- zen schon eher gerechtfertigt sein, für bestimmte Mängel der Copie das Original mit verant- wortlich zu machen. Dem ist aber glaubhaſten Nachrichten zufolge durchaus nicht so. Als Gherardo Landriani die wertvolle Handschrift der rhetorischen Schriften Ciceros zu Lodi gefun- den und darnach an Gasparino Barziza in Mailand gesandt hatte, händigte sie dieser einem ta- lentvollen Gelehrten der damaligen Zeit(„egregi ingenüu, homo doclissimus ¹*) Cosmo aus Cremona zur Entzifferung ein. Cosmo aber verfuhr nicht so, wie die früheren mechanischen Abschrei- ber, sondern scheute sich nicht, um einen lesbaren Text herzustellen. das alte Original, wo es zum Verständnis notwendig war, eigenhändig zu corrigieren; wie diesz Gasparino Barziza in dem Begleitschreiben an seinen Freund Gherardo Landriani, dem er statt des alten Originals eine von Cosmos lesbar gemachter Abschrift genommene Copie zufertigte, ausdrücklich be- zeugt: Feci autem, ut pro illo vetustissimo ac paene ad nullum usum aplo novum manu hominis doclissimi scriptum ad illud exemplar correctum alium codicem haberes. Die den alten Laudensis in lesbarer Gestalt wiedergebende Abschrift Cosmos ist demnach die einige Quelle der spätern Abschriften, also aller unserer Handschriften geworden. Fände sich. was ja nicht unmöglich wäre, die Originalhandschrift des cod. Laudensis selbst wieder, so würde uns diese für den Brutus sicherlich ganz dieselben Dienste leisten, die wir für die Bü- cher de oratore den ältern fragmentarischen Handschriften, wie dem Abrincensis und Erlangensis I in den von ihnen erhaltenen Partieen zu danken haben. Bis dahin aber bleiben wir einzig und allein auf die, wie es scheint, hinlänglich verglichenen mehrfach erwähnten Abschriften be- schränkt und müszen daher an zweifelhaften Stellen zur Conjecturalkritik unsere Zuflucht neh- men, zu der hier einige Beiträge gegeben werden sollen.


