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Fortsetzung und Schluß (1862)
Entstehung
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ſeinem Gepäcke und 350 Mann. Die Soldaten wurden unter die kaſſeliſchen Truppen untergeſteckt, Seidtler ſelbſt aber als Gefangener nach Kaſſel gebracht, wo ihn die Landgräfin mit derjenigen Achtung empfing, die ſein tapferes Benehmen verdient hatte ⁴⁰).

Aber auch die Einwohnerſchaft hatte ſich in dieſer Drangſal brav benommen, vor Allen der Bürger⸗ meiſter Konrad Haas und der geiſtliche Inſpector Georg Eberhard Happel. Haas ſtand während der ganzen Belagerung dem Commandanten mit Muth und unermüdlicher Thätigkeit zur Seite, feuerte die Bürger an und ließ ſie an den Abſchnitten hinter der Breſche arbeiten. In dem Augenblick, wo faſt alle Kugeln verſchoſſen waren, wandte er ſich an den Inſpector mit dem Begehren, die bleiernen Rinnen des Pfarrdachs zu neuem Guſſe verwenden zu dürfen. Happel willigte ein. Bei dem beſtändigen Schießen aber fand ſich Niemand zum Hinaufſteigen bereit. Da ſtieg der Bürgermeiſter ſelbſt an den gefährlichen Ort, der Inſpector reichte ihm die Axt hinauf, und das Blei der Rinnen wurde abgelöſet. Mittlerweile verzehrte das Feuer dem braven Manne Haus und Hof ⁵0).

Der Beſitz der Stadt war indeſſen für die Sieger ein theuer erkaufter; ſie hatten über 300 Todte. Von den Bürgern waren im Kampfe ſelbſt nur drei gefallen, die Zahl der getödteten Soldaten von der Beſatzung iſt nicht überliefert worden).

Noch war der traurige Ausgang zu Gießen, der damaligen Reſidenz des Landgrafen, nicht bekannt, als Georg II gerade am Tage der Uebergabe ſtatt des Entſatzes, den er in ſeiner eignen Noth ohne Zweifel nicht ſenden konnte, ein Schreiben an die Stadt abgehen ließ, worin er den Bürgern lobend bezeugte,daß ſie ſich als treue, ehrliche Leute und Unterthanen, beſtändig, herzhaft und tapfer gegen ihre Feinde erzeiget, dahero ſie wegen ſolchen erlangten Lobs auch wohl würdig ſeien, daß ſie mit anſehnlichen Privilegien und Freiheiten möchten begabt werden ⁵²). 1

Das ſo hart heimgeſuchte Alsfeld hatte nun auch wieder eine feindliche Beſatzung zu ernähren und außer derſelben noch zwei franzöſiſche Regimenter, die vor der Stadt ihr Lager nahmen, vier Wochen lang zu unterhalten. Drangſale jeder Art wurden verübt. Sogar die Glocken nahm man vom Thurm herab und ließ ſie um ſchweres Geld von den Bürgern wieder einlöſen 54). Auch das angebliche Schwert Karl's d. G. verſchwand, und es könnte zweifelhaft ſein, ob es jemals wiedergekehrt iſt 54).

⁴0) Theatr. Europ. V. 937. Happel's Predigtfragment. Vergl. Rommel VIII. 704. Dieſe Belagerung iſt es übrigens, in welche Schwarz und diejenigen, die ihm folgen, das oben erzählte Ereigniß von Ohmes hineingezwängt haben.

**) Perſonalien des Bürgermeiſters Haas, bei Dieffenbach, Geſch. v. Alsf. S. 50..

⁵¹) Happel's Predigtfragment.

⁵²) Winckelmann's Beſchr. v. Heſſen S. 200.

⁵³) Happel's Predigtfragment.

⁵⁴) Hierüber ſagt Winckelmann in dem Commentar zu ſeiner 1648 erſchienenen Lobrede:Es hat aber vor ungefähr zweien Jahren ein Heſſen⸗Caſſeliſcher Kriegsbedienter(deſſen Namen ich noch zu vermelden verſchone) dieſes Schwert der Stadt entwendet; gleichwie nun ſelbiger jeder Zeit einen feinen Ruhm wegen ſeiner Höflichkeit und tapferen Muthes gehabt, alſo hoffe ich, er, als ein verſtändiger Menſch, werde der Stadt ein ſolches Alterthum zu ſeinem ſchlechten Nachklang nicht aufenthalten, ſondern es mit Ehre bald wieder erſtatten. In ſeiner am 3. Jan. desſelben Jahrs gehaltenen Wahl⸗ predigt ſagt dagegen Happel:Wie dann dahero auch jederzeit noch ein Richterſchwert bei der Rathstafel auf dem Rathhauſe hangend geſehen wird. Wie reimen ſich beide Behauptungen zuſammen? Iſt das von Happel erwähnte Schwert nur ein Erſatzſchwert für das alte? Hat der kaſſeliſche Kriegsbediente der Appellation des Lobredners an ſeine Ehre ſpäter Folge gegeben? und haben wir alſo in dem gegenwärtigen Schwerte wieder das entwendete vor uns, oder nicht? Dieſe Fragen würden, wenn es ſich überhaupt der Mühe lohnte, reichen Stoff zu einer kritiſchen Unterſuchung geben.