Druckschrift 
Fortsetzung und Schluß (1862)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

45

Wein, Bier und andern Lebensmitteln zu beſchaffen; am 5. Julius, einem Sonntag, brachen achtzig Marketenderwagen herein, die alle Vorräthe aus der Stadt hinwegführten). Statt einer allgemein erwarteten Hauptſchlacht aber erfolgte nach einigen Reitergefechten der Rückzug der Kaiſerlichen nach der Wetterau und weiter. Die Schweden folgten ihnen, und das Kriegsgetümmel wälzte ſich nach Franken und der Donau. Geyße, der die Schweden bis Aſchaffenburg begleitet hatte, wurde bei ſeiner Rückkehr von Mercy und Eberſtein vollſtändig geſchlagen, ſammelte aber in kurzer Zeit ſeine Truppen wieder, drängte mit 4000 Mann die Sieger aus der Schwalmgegend in den Ebsdorfer Grund zurück, nahm das verlorene Kirchhain wieder ein und wendete ſich dann gegen Alsfeld.

Der Stoß, den dieſe vielgeprüfte Stadt jetzt zu erleiden hatte, war der härteſte im ganzen Kriege. Es commandirte daſelbſt Paul Seidtler, Oberſtlieutenant des heſſiſchen Leibregiments. Die Zahl ſeiner Soldaten mochte etwa 400 betragen. Am 30. September erſchien Geyße vor den Mauern und machte Anſtalt zur Belagerung. Er begann damit, ſein Lager und den die Stadt beherrſchenden Frauenberg zu verſchanzen. Am Morgen des 2. Octobers eröffnete er das Feuer aus ſieben Stücken groben Calibers. Glühende Kugeln, Bomben von hundert und mehr Pfunden wurden geworfen. Sieben Häuſer und Scheunen brannten ab, Bruſtwehren und Flanken waren beſchädigt, ein Thurm ſtürzte ein. Auch in der Nacht ruhten die Feuerkugeln nicht, und der Brand mehrte ſich. Mittlerweile war eine zweite Batterie vollendet worden, und von der Frühe des nächſten Morgens bis um drei Uhr Nachmittags ſpielte das heftigſte Feuer gegen die Stadtmauer. Eine große Breſche, mehr als zwölf Klafter lang, öffnete ſich. Um vier Uhr ſchritt Geyße zum Sturm. Bei'm dritten Anlauf drangen etliche hundert Mann ein und faßten in den nächſtgelegenen Häuſern Poſto. Seidtler ließ dieſe Gebäude, die ſchon vorher mit brennbaren Stoffen unterlegt waren, anzünden und nöthigte ſo die Eingedrungenen, über die Breſche wieder hinabzuſpringen. Bei dieſem Rückzug ſtürzten ein Oberſtwachtmeiſter, zwei Lieutenante und etliche Unterofficiere und Soldaten in's Feuer und verbrannten. Der Sturm hatte vierthalb Stunden gedauert, und auf beiden Seiten waren viele Todte. Nun begann aber die Beſchießung von Neuem und ward die ganze Nacht hindurch fortgeſetzt. An ſieben Stellen ſtand die Stadt in Flammen, Häuſer wurden zertrümmert, in das Chor der Hauptkirche ſchlug eine Bombe durch und tödtete etliche der dahin geflüchteten Weiber und Kinder. Der wehrhafte Theil der Bürgerſchaft nahm am Kampfe den ehrenhafteſten Antheil. Am 4. October ruhte Geyße, ließ ſeine Todten begraben und neue Munition aus Ziegenhain herbeiſchaffen. Zugleich ward an einer angefangenen Mine unausgeſetzt fortgearbeitet.

Am folgenden Tage abermals ſehr heftige Beſchießung. Die Mine ſprang, ſprengte die eine Hälfte des Thorthurms ab und warf das vier Klafter lange Stück der Mauer nieder, das zwiſchen dieſem Thurme und der Breſche ſtand. Jetzt wurde zum zweiten Sturm geblaſen; aber muthige Gegenwehr machte auch dieſen erfolglos; viele Niederheſſen fielen, unter ihnen auch ein Graf von Kirchberg. Geyße verſtand ſich hierauf zu einem Stillſtand von einer halben Stunde. Während desſelben wurde, da alle Hoffnung auf den zugeſagten Entſatz verſchwundeu war, wegen der Uebergabe verhandelt. Geyße wollte dieſelbe nicht anders annehmen als auf Gnade und Ungnade. Seidtler brach deshalb die Unterhandlungen ab, der Stillſtand verlief, und die Belagerer pflanzten jetzt ihr Geſchütz ganz nahe vor der Breſche auf. Der halbgeſprengte Thorthurm und der nächſtſtehende kleinere wurden eingenommen. Aus beiden Thürmen und aus der Breſche ſahen ſich nun die Belagerten ſo wirkſam angegriffen, daß ſie ihre Retranchements nicht mehr halten konnten und in der brennenden Stadt auf's Aeußerſte gebracht waren. Seidtler ergab ſich daher auf Gnade und Ungnade und überlieferte den Platz mit vier Fähnlein,

48) Happel's Predigt