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Fortsetzung und Schluß (1862)
Entstehung
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Noch war der Königsmarkſche Accord nicht abgelaufen, als bei Hatzfeld's Annäherung Amalie Eliſabeth ſich beeilte, Theile des darmſtädtiſchen Oberheſſen durch ihre Truppen zu beſetzen. Es mögen hierbei nicht lediglich militäriſche Rückſichten obgewaltet haben. Der Generalwachtmeiſter Johann Geyße) rückte mit etlichen tauſend Mann ein. Er ſelbſt nahm ſein Hauptquartier zu Kirchhain. Vor der unbe⸗ ſetzten Stadt Alsfeld erſchienen zuerſt am 5. November zwei Compagnien zu Fuß mit ſechs Canonen und einem Mörſer und begehrten unter dem Androhen von Mord und Brand Einlaß. Man öffnete die Thore. Es folgten ſofort auch ſechs Compagnien Reiter unter dem Oberſtlieutenant Rauchhaupt. Dieſe Mannſchaft war zur ſtändigen Einquartierung beſtimmt. Rauchhaupt konnte nicht lange befriedigt werden; Fleiſch und Früchte waren ringsumher faſt gänzlich aufgezehrt, die Bewohner des Euſergerichts flüchteten maſſenweiſe nach Kirchhain. Geyße drohte der Umgegend mit Execution. Er verlangte täglich 300 Metzen Hafer, 12 Fuder Heu und 7 Rinder von 150 Pfund. Nichts half es, daß die Regierung die Beamten anwies, ſich bei den ſchwediſchen Officieren über eine Bedrückung zu beſchweren, die ganz gegen den Königsmarkſchen Accord laufe. Geyße dictirte nach einigen Wochen eine Vertheilung der Verpflegungs⸗ koſten unter die verſchiedenen Aemter und trieb die Lieferungen durch ſeine Soldaten ein. An Brutalitäten jeder Art fehlte es hierbei nicht; die armen Leute aus ganzen Städten und Dörfern wichen endlich, wie das darmſtädtiſche Manifeſt ſich ausdrückt,mit Haufen in's Elend und ließen ihre Hüttlein wüſt und öde ſtehen. Abgeordneten, die bei der kaſſeliſchen Generalität um Milderung der überſchweren Contri⸗ butionen und Drangſale nachſuchten, erwiderte einer der vornehmſten Officiere:Wir können's nicht ſo arg machen, daß wir uns an euch verſündigen ſollten ⁴⁰).

Alsfeld blieb bis in's dritte Jahr von den Niederheſſen beſetzt. Während dieſer Zeit begann der ſogenannte Heſſenkrieg, d. h. der directe Kampf der beiden heſſiſchen Häuſer in der marburgiſchen Erbſchaftsſache, indem Amalie Eliſabeth alle bis dahin verlaufenen Proceſſe und Vergleiche als nichtig verwarf und mit Zuſtimmung der nächſten Agnaten beanſpruchte, daß ihr Sohn Wilhelm in die teſtamen⸗ tariſche Hälfte der Erbſchaft wieder eingeſetzt würde. In dieſem Kriege beſetzte Geyße eine Anzahl oberheſſiſcher Städte und Schlöſſer und erzwang namentlich auch die Uebergabe von Marburg, deſſen Commandant Willich dann zu Gießen ſeine Niederlage auf dem Schaffot büßte. Landgraf Georg, faſt in allen Theilen ſeines Landes von Schweden, Kaſſelanern und Franzoſen hart bedrängt, vermehrte nicht nur um ein Beträchtliches ſeine eignen Truppen, die er unter die Befehle des Grafen von Eberſtein ſtellte, ſondern erhielt bald auch noch Hülfe von Seiten des Kaiſers. Bei'm Anzug der Kaiſerlichen räumte die niederheſſiſche Beſatzung Alsfeld, um ſich zu ihrem Hauptcorps zu ziehen. An ihrer Stelle zogen unter dem Namen einer Salvaguardia ſechzig kaiſerliche Dragoner unter dem Major Saradetzky ein ⁴¹). Im Julius 1646 ſtanden die beiden feindlichen Armeen in feſten Stellungen an der Ohm ganz nahe einander gegenüber, die Schweden und Heſſen unter Wrangel, Königsmark und Geyße bei Mardorf, auf Kirchhain und Amöneburg geſtützt, die Kaiſerlichen und Baiern dagegen unter Geleen, Hatzfeld und Johann von Werth weiter aufwärts bei Schweinsberg und Homberg. Das letztere Heer bezog ſeinen Unterhalt aus den hinter ihm gelegenen Landestheilen. Alsfeld hatte hierbei 300,000 Pfund Brot nebſt

⁴⁵) In obiger Form ſchrieb er ſelbſt ſeinen Namen, nicht Geyſo, Geiſo oder Geiſa, wie ſich dieſes in gleichzeitigen und ſpäteren Druckwerken ſo oft findet. Siehe ſeine eigenhändige Unterſchrift auf einem Vertheilungszettel, datirt Kirchhain den 30. Nov. 1643(im Landgerichtsarchiv).

⁴6) Actenſtücke im Landgerichtsarchiv vom 14., 24., 30. Nov. und 2. Dec., Berichte, Reſcripte und Geyße's Requi⸗ ſitions⸗ und Vertheilungszettel enthaltend. Darmſtädtiſches Manifeſt S. 17 ff. Happel's Predigtfragment. Choro⸗ graphie S. 172.

⁴⁷) Happel's Predigt. r