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Nachdem die Union zu Grabe gegangen war, beruhte die Hoffnung ihres geweſenen Hauptes, des vom Kaiſer eigenmächtig geächteten Pfalzgrafen Friedrich, faſt einzig auf dem Degen dreier kühner Parteigänger, die mit abenteuerndem Muthe ſeine von aller Welt verlaſſene Sache aufzunehmen wagten: Graf Peter Ernſt von Mansfeld führte ſeine wilden Schaaren aus Böhmen nach Franken und nach dem Rhein, Markgraf Georg Friedrich rüſtete ein Heer in dem kleinen Baden⸗Durlach, und der jugendliche Chriſtian von Braunſchweig, poſtulirter, aber vom Kaiſer nicht beſtätigter Adminiſtrator des Stiftes Halberſtadt, warb Truppen in Niederſachſen und Weſtphalen. Ihr gemeinſchaftliches Ziel war zunächſt die Befreiung der von den Spaniern beſetzten Pfalz.
Im October 1621 brach Herzog Chriſtian mit einem Heere von 10,000 Mann, das ſchon in Niederſachſen die Spuren ſeiner Zuchtloſigkeit zurückgelaſſen und mit den dortigen Kreistruppen verſchiedene Zuſammenſtöße gehabt hatte, bei Höxter an der Weſer durch, um am Neckar ſich mit Mansfeld zu vereinigen. Sein Marſch ging zunächſt durch Niederheſſen, und zwar, wie es ſcheint, nicht ohne geheimen Vorſchub des Landgrafen Moritz. Am 18. November erſchien Chriſtian plötzlich in dem kurmainziſchen Amt Amöneburg und lagerte ſeine Truppen in den Dörfern Allendorf, Niederkleen, Künsdorf und Momberg. Vier Tage ſpäter gewann er durch Kriegsliſt und Ueberfall das feſte Städtchen Amöneburg ſelbſt. Viel Geld und geflüchtetes Gut wurde daſelbſt erbeutet. Bald war auch Neuſtadt mit den umliegenden Dörfern in ſeiner Gewalt. So ſtand er an der Gränze des darmſtädtiſchen Gebiets, das nun durchzogen werden ſollte. Landgraf Ludwig eröffnete ihm durch Abgeſandte, daß es ihm und ſeinen Nachbarn theils des bereits erlittenen Kriegsſchadens, theils auch überhaupt ſchon der Reichsgeſetze wegen unmöglich ſei, den Durchzug zu geſtatten, und daß er ihn deshalb erſuchen müſſe umzukehren. Chriſtian verſprach die möglichſte Schonung des Landes, beſtand aber auf dem Durchmarſche und drohte, denſelben nöthigenfalls ſelbſt mit Gewalt zu erzwingen. Eine weitere Erklärung des Landgrafen, die zugleich auch zu erkennen gab, daß auf dem darmſtädtiſchen Gebiete bereits Mißhandlungen und Plünderungen vorge⸗ kommen ſeien, hatte einen förmlichen Abſagebrief des Herzogs zur Folge. Er erklärte,„wenn ſeinem Kriegsvolke auf dem Marſche der geringſte Schaden zugefügt werden ſollte, ſo werde er dermaßen in dem landgräfiſchen Lande hauſiren, daß Ihre Fürſtlichen Gnaden ſelber und Kindeskinder ſich darüber würden zu beklagen haben.“(28. Nov. a. St. oder 8. Dec. n. St.)
Gleichzeitig hatte ſich Ludwig V an ſeinen Stammvetter Moritz zu Kaſſel mit dem Geſuche gewendet, durch ſeinen Einfluß den Herzog zur Umkehr zu beſtimmen, nöthigenfalls aber zum Schutze des landgräf⸗ lichen Gebietes ſelbſt thätige Hülfe zu leiſten. Moritz wich aus. In dem aus dieſer Veranlaſſung erwachſenen Schriftenwechſel zeigt ſich ganz die unglückſelige Spannung und Gereiztheit, die in den Zwiſtigkeiten über die marburgiſche Erbſchaft ihren tieferen Grund hatte. Von beiden Seiten fehlte es nicht an Anſpielungen und Anzüglichkeiten, die wenig geeignet waren, eine Verſtändigung zu erzielen ²).
Während dieſe unerquicklichen Verhandlungen beider Fürſten ihren Gang gingen, war Herzog Chriſtian bereits zur Gewalt geſchritten. Er forderte Homberg an der Ohm und Alsfeld zur Unter⸗ werfung auf. In der letzteren Stadt erſchien plötzlich von Neuſtadt aus ein Trompeter mit einem Schreiben an Bürgermeiſter und Rath, das folgendermaßen lautete:
„Ehrbare, Liebe, Beſondere ꝛc. Als wir dieſen Abend mit unſerer Cavallerien ankommen und des gänzlichen reſolviret, euch zugleich unter unſer Commando und Gehorſam zu bringen, dahero ſie ſich anſehend dieſes bei uns accomodiren und jemanden deſſetwegen zu uns abfertigen, ſo ſich deſſetwegen
²) Relation, Tractation und Schreiben zwiſchen Landgrafen Lndwigen und; Herzog Chriſtian, ingleichen Landgraf Moritzen vorgegangen ꝛc.(Darmſtadt) 1622. Auch bei Londorp, Acta publica II, 529 ff.


