26 zeitweiſe auch ſelbſtgeſchaffene Provinzen und Provinciale aufgetreten ſein, von welchen der roͤmiſche Katalog keine Kenntniß hat. Die eingeriſſene Verwirrung zum Austrag zu bringen, war eben der Hauptzweck der Deputation, mit welcher Luther 1510 nach Rom ging.
Erwieſen iſt, daß Alsfeld und ſeine Auguſtiner bereits vor dem Beginn der Reformation zur Univerſität Wittenberg, und wahrſcheinlich alſo auch zu Luther ſelbſt, in näherer Beziehung geſtanden haben. Kaum war Luther, durch Staupitz empfohlen, für jene Univerſität gewonnen worden, ſo ſtudirte auch ſchon 1510 ein alsfeldiſcher Auguſtiner, Kaspar Corvinus, daſelbſt. Das nächſte Jahr zeigt ſchon drei andre Alsfelder auf einmal unter den Immatriculirten: Peter Senderlin, Konrad Friſch und Johannes Susmann. Im Jahr 1512 erſcheint ſodann auch Thilemann Schnabel im Album; er iſt als Auguſtinerbruder eingetragen, aber ohne Bezeichnung ſeines Kloſters. Mit ihm wurden fünf andre Auguſtiner, gleichfalls ohne Angabe ihrer Heimath, eingeſchrieben ²). Es iſt kaum denkbar, daß ſtudirende Auguſtiner nicht auch Luther's Zuhörer geweſen ſein ſollten; jedenfalls aber mußte ſpäter bei Luther's öffentlichem Auftreten die Aufmerkſamkeit ſolcher Ordensgenoſſen, welche Wittenberg beſucht hatten, deſto früher und ſtärker ſich auf ihn richten, wie ihnen denn auch die fernere Verbindung mit ihm eine um ſo beſſer angebahnte war.
Uebrigens war es nicht Wittenberg allein, wo Schnabel ſeine Ausbildung fand; auch in Italien iſt er geweſen, und das Leben zu Rom war ihm aus eigner Anſchauung bekannt ¹⁰o). Wohl mögen die Eindrücke, die er von dort mitbrachte, nicht geringen Antheil an der Rückſichtsloſigkeit haben, mit welcher er ſich bald nachher gegen die Hierarchie ausſprach und ſogar in Gegenwart des damals noch unent⸗ ſchiedenen Landgrafen den Papſt den römiſchen Baal und eine ſcheußliche Beſtie nannte ¹1¹).
Glücklicher als der Barfüßer Jakob Limburg zu Marburg, dem, als er in Luther's erſten Ruf einſtimmte, der Kerker ſeines Kloſters ſofort den Mund verſchloß, erfreute ſich Schnabel bei ſeinen reformatoriſchen Predigten zu Alsfeld eines immer wachſenden Beifalls. Bereits 1522 ſtand die ganze Stadt auf Luther's Seite. Als nun Landgraf Philipp einſt der Jagd wegen zu Romrod verweilte, vernahm er von dem Zulauf der Menſchen, die der beredte Mönch an ſich gezogen hatte, und, ſeiner damaligen Stellung zu den reformatoriſchen Bewegungen entſprechend, verbot er ihm das Predigen. Dieſes Verbot ſcheint 1523 erfolgt zu ſein; wenigſtens ſteht für dieſes Jahr Philipp's Aufenthalt zu Romrod ſicher ¹²). Schnabel, der von ſeinem Werke nicht laſſen wollte, entſchloß ſich, ſein Kloſter und die Heimath zu verlaſſen. Er ergriff den Wanderſtab, legte am Siechenhauſe vor der Stadt ¹3) ſein Mönchsgewand ab und begab ſich nach Wittenberg zu Luther. Dieſer brachte ihn als Pfarrer nach Leisnig an der Mulde ¹4). Hier aber blühten dem Ankömmling keine Roſen. Die Stadt hatte ſich
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*) Siehe Album Universitatis Vitebergensis ab a. Chr. 1502 ad a. 1560. Ex autographo ed. C. E. Foerste- mann. Lips. 1841,— bei den bezüglichen Jahren.
¹⁰) Epicedion 19 f.
¹¹) Epiced. 26.
¹*) Am Donnerstag nach Mariä Heimſuchung 1523 erließ er von Romrod aus eine Verordnung in Forſtpolizeiſachen. Abſchr. im Rathsbuche fol. 28.
¹3) Dieſes Siechenhaus zur h. Eliſabeth lag am Flüßchen Ingel oder Ingelbach vor dem Hersfelderthore und wird von Winckelmann(S. 415) daher das Siechenhaus zur Ingelbach genannt. Haſſencamp(I. 35) hat Ingelbach irrthümlich für ein Dorf bei Alsfeld genommen. Auch an Lingelbach iſt mit Nebel(Schwert u. Siegel, 13) nicht zu denken; das jetzt kurheſſiſche Dorf dieſes Namens liegt zwei Stunden von Alsfeld und hatte wohl nie ein ſolches Spital.
¹⁴) Nothw. ausführliche Special⸗Widerlegung ꝛc. S: 257. Epiced. 43.


